Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an den Dekan der medizinisichen Fakultät, W. Biedermann, Jena, 5. März 1911

An Seine Spectabilität

Herrn Geheimen Hofrat

Professor Dr. W. Biedermann

d. Z. stellvertr. Dekan der

Medizinischen Fakultät

Jena 5. März 1911.

Hochgeehrtester Herr Dekan!

Die Medizinische Fakultät der Universität Jena, in der ich mich heute vor Fünfzig Jahren als Privatdozent für vergleichende Anatomie habilitiert habe, hat mir gestern, in freundlicher Erinnerung daran, die hohe Ehre erwiesen, durch eine besondere Deputation ihre Glückwünsche auszusprechen. Nachdem ich Eurer Spectabilität, als deren beredten Sprecher, bereits mündlich meinen herzlichen Dank für diese mich hoch erfreuende Auszeichnung ausgesprochen habe, fühle ich mich verpflichtet, der Hohen Medizinischen Fakultät auch schriftlich den Ausdruck meiner warmen und aufrichtigen Dankbarkeit zu übermitteln. Zugleich verbinde ich damit die Bitte, dass auch alle einzelnen Mitglieder derselben ihn als persönlich erhalten betrachten mögen. ||

Allerdings habe ich der Illustren Medizinischen Fakultät nur vier Jahre äusserlich angehört, da ich bereits im Frühjahr 1865 (– in Folge einer Berufung nach Würzburg –) als Ordinarius zur Philosophischen Fakultät übertrat. Allein innerlich habe ich stets die engsten Beziehungen zur theoretischen Medizin aufrechterhalten, da ja deren grundlegende Fächer: Anatomie und Histologie, Physiologie und Entwickelungsgeschichte, mit meinem eigenen Hauptfache, der Zoologie, untrennbar zusammenhängen und in gewissem Sinne nur als anthropologische Spezialfächer derselben angesehen werden können.

Mit wärmstem Danke muss ich dabei der ausgezeichneten Naturforscher gedenken, die früher zu den Zierden der Medizinischen Fakultät gehörten, und die nun schon lange dahin geschieden sind, vor allem meines intimsten Freundes Carl Gegenbaur, sodann Carl Gerhardt, Albert von Bezold, Wilhelm Preyer, Wilhelm Müller und Anderen. Ihnen, ebenso wie den noch lebenden und hier fruchtbar wirkenden Mitgliedern der Medizinischen Fakultät, bleibe ich für vielfache Anregung und Belehrung, wie für zahlreiche Beweise der Freundschaft, zu herzlichstem Danke verpflichtet.

Das halbe Jahrhundert, welches ich als Dozent in Jena durchlebt habe, wird in der Geschichte der Medizin, wie alle anderen Naturwissenschaften, stets als eine der fruchtbarsten und glanzvollsten Perioden der Entwickelung des menschlichen Geisteslebens glänzen. Wenn es mir vergönnt war, an diesen gewaltigen Fortschritten der biologischen Wissenschaft mich in bescheidenem Maße aktiv zu beteiligen, so verdanke ich dies zum großen Teile dem Umstande, dass ich das ganze Studium der Medizin unter den günstigsten Bedingungen vollenden und mir damit eine feste Basis für die Anthropogenie schaffen konnte.

Indem ich Eure Spectabilität ersuche, dieses Dankschreiben der Hohen Medizinischen Fakultät mitzuteilen und zugleich für Sich Selbst den schuldigen Zoll herzlicher Dankbarkeit entgegenzunehmen, bleibe ich

in vorzüglicher Verehrung

Eurer Spectabilität ergebenster

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-03-1911
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, L 282, 117r-118r
ID
47942