Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an den Prorektor der Universität Jena, Georg Goetz, Jena, 5. März 1911

Jena, 5. März 1911

Magnifice Academiae Prorector!

Der Illustre Senat der Universität Jena hat mir am gestrigen Tage die hohe Ehre erwiesen, bei Gelegenheit meines fünfzigjährigen Dozenten-Jubiläums durch eine besondere Deputation mir seine freundlichen Glückwünsche auszusprechen. Die anerkennenden Worte, welche Eure Magnifizenz, als Sprecher der Deputation, dabei an mich richteten, haben mich in hohem Maasse erfreut.

Dem mündlichen Danke, den ich Ihnen dafür aussprechen konnte, fühle ich mich heute gedrungen, auch schriftlich den tief empfundenen Ausdruck meiner aufrichtigen Dankbarkeit folgen zu lassen – sowohl gegenüber dem Illustren Senate im Ganzen, dessen Mitglied ich seit 1865 zu sein die Ehre hatte, als den zahlreichen vortrefflichen Kollegen, in deren schätzbaren Gemeinschaft ich so lange Zeit hindurch die Pflege und Lehre der Wissenschaft verfolgen konnte. ||

Wenn es schon an sich selten ist, dass ein akademischer Lehrer ein halbes Jahrhundert hindurch an einer und derselben Universität seine wissenschaftlichen Arbeiten ausführt, so gestatten doch in diesem Falle die eigentümlichen Verhältnisse, die mich beständig hier gehalten haben, eine besondere Erwähnung. Denn in diesen fünfzig Jahren erfuhr die Biologische Wissenschaft, deren Dienst ich mein Leben gewidmet habe, den grössten Umschwung, sowohl durch die erstaunlichen empirischen Fortschritte in allen einzelnen Teilen, als auch durch die philosophische Begründung der Entwickelungslehre im grossen Ganzen. Dass ich an diesen großen Fortschritten nach meinen bescheidenen Kräften mitwirken konnte, verdanke ich grossenteils den besonderen Verhältnissen meiner hiesigen Stellung, und ganz besonders der unbedingten Freiheit der Forschung und Lehre, welche von den vier Durchlauchtigsten Erhaltern unserer Universität stets richtig gewürdigt und geschätzt wurde. ||

Im vollen Genusse dieser idealen Güter konnte ich die vier ehrenvollen Berufungen ablehnen, die mir in den Jahren 1865 bis 1874 nach Würzburg, Wien, Straßburg und Bonn zu Teil wurden, trotzdem mir jede derselben in äusseren Beziehungen viel glänzendere reale Bedingungen stellte. Ich habe es niemals bereut, diesen verlockenden Anerbietungen nicht gefolgt und mich mit den einfacheren Verhältnissen von Jena begnügt zu haben. Denn hier bewahrte ich mir stets die Musse und Stimmung zu energischer wissenschaftlicher Arbeit; und zugleich erfreute ich mich beständig vielfacher Anregung und Belehrung von Seiten ausgezeichneter und wohlwollender Kollegen. Indem ich diesen trefflichen Männern hier zugleich meinen herzlichen Dank ausspreche, knüpfe ich daran – nach Vollendung meines 77sten Lebensjahres – die Versicherung, dass mir das Gedenken daran für den kurzen Rest meines langen Lebens zu den wertvollsten Erinnerungen gehören wird.

In vorzüglicher Verehrung und Hochschätzung verbleibe ich stets

Eurer Magnifizenz

ergebenster

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-03-1911
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, BA 1049, 151r-152r
ID
47910