Haeckel, Ernst

Bericht des Dekans der philosophischen Fakultät, Ernst Haeckel, Jena, 12. Mai 1877

Magnifice Academiae Prorector!

Jena den 12ten Mai 1877.

Bericht der philosophischen Facultät,

die Besetzung des erledigten dritten

Lehrstuhls für classische Philologie

betreffend.

Nachdem durch die Berufung des Professor Dr. Alfred von Gutschmid nach Tübingen und seine, bereits für Ostern 1877 genehmigte Entlassung, der dritte Lehrstuhl für classische Philologie – zur Erledigung gekommen war, trat die Fakultät Freitag den 11. ds. Mts. Zu einem Denominations-Consesse zusammen. Da diese schon in zwei vorhergehenden Sitzungen sich ausreichend informirt und die nöthigen Vorberathungen gepflogen hatte, befindet sie sich nunmehr in der Lage, nach reiflicher || Erwägung aller Verhältnisse, folgende zwei Persönlichkeiten als bewährte und unseren Bedürfnissen durchaus entsprechende Vertreter ihres Faches einstimmig zu präsentiren.

1. Professor Dr. Heinrich Nissen, z. Z. Ordentlicher Professor der alten Geschichte und classischen Philologie in Marburg; Direktor des historischen Seminars und Mitglied der wissenschaftlichen Prüfungs-Commission für die beiden Fächer der classischen Philologie und Geschichte. Er ist geboren zu Hadersleben in Schleswig, jetzt 38 Jahre alt, studirte 1856-62 in Kiel und Berlin, habilitirte sich 1867 in Bonn, wurde aber bereits 1869 als außerordentlicher Professor nach Marburg berufen und ein Jahr später, 1870, zum Ordinarius ernannt. Seine Schriften sind, chronologisch geordnet, folgende:

1. Kritische Untersuchungen über die Quellen der 4. Und 5. Decade des Livius. 1863.

2. Pompeji. Ein Vortrag. 1867 (Virchow & Holtzendorf Sammlung Nr. 37)

3. Das Templum, antiquarische Untersuchungen mit astronomischen Hülfstafeln. 1869 (Hauptarbeit)

4. Vitae Catonis Fragmenta Marburgensia. 1875. (Vergl. Jenaische Litteraturzeitung 1875 Nr. 728)

5. Fragmenta Marburgensia (Amian. Marcell. aco. tab. photolithogr. 1876)

Seine Vorlesungen betreffen: ||

a. Alte Länder- und Völker-Kunde,

b. Grundzüge der Chronologie.

c. Griechische Geschichte.

d. Geschichte der Westhellenen.

e. Römische Geschichte.

f. Römische Privatalterthümer.

g. Tacitus Germania.

h. Griechische und lateinische Epigraphik.

– mit einzelnen Ausnahmen also sämtliche Materien, auf deren Behandlung wir Gewicht legen. In denselben Grenzen bewegen sich auch die Uebungen im historischen Seminare. Von seinem lebhaften, frischen und anregenden Wesen dürfen wir den günstigsten Einfluss auf die studierende Jugend erwarten; und da der Kreis seiner Zuhörer sich hier bei der gesteigerten Philologen-Zahl bedeutend erweitern würde, glauben wir auch voraussetzen zu dürfen, dass er Marburg gern mit Jena vertauschen werde. Sollten ihn die hohen Regierungen auch zum Mitdirector des philologischen Seminars ernennen, so würde er auch dieser Aufgabe wohl gewachsen sein.

2. Professor Dr. Franz Rühl, z. Z. ordentlicher Professor der Geschichte und Dirigent des historischen Seminars in Königsberg i/Pr. Er ist geboren zu Frankfurt a/M., jetzt ungefähr 35 Jahre alt, studirte in Jena und Berlin, begann || seine academische Laufbahn in Leipzig als Privatdocent, und ging dann als besoldeter Docent der realen und historischen Alterthumswissenschaft 1874 nach Dorpat. Daselbst wurde er 1875 zum außerordentlichen, 1876 zum ordentlichen Professor der classischen Philologie und der griechischen und römischen Alterthümer befördert. Bald darauf wurde er, nach Professor von Gutschmid’s Abgang, auf dessen Empfehlung nach Königsberg berufen. Publiziert hat er allerdings noch wenig, aber anerkannt Vortreffliches.

1. Die Quellen Plutarchs im Leben des Kimon. Marburg 1867

2. Die Verbreitung Justins im Mittelalter. Eine literarisch-historische Untersuchung. 1872.

3. Ueber die Textquellen des Justin. 1872. Jahn’s Jahrb. Suppl. VI. S. 160 c. v. S. 853.

Desto weiter erscheint der Kreis der Vorlesungen von Professor Rühl. Sie behandeln:

a. Geschichte der griechischen Historiographie.

b. Einleitung in das Studium der alten Geschichte.

c. Geschichte des Orients.

d. Römische Geschichte.

e. Geschichte der römischen Republik seit dem II. Punischen Kriege.

f. Römische Staatsalterthümer.||

g. Chronologie des Mittelalters.

h. Lateinische Palaeographie für Philologen.

Ebenso bedeutend ist auch der Umfang der auf die Uebungen des historischen Seminars vertheilten Stoffe: Conversation über Römische Geschichte; Lectüre von Plutarch, Livius, Polybius, Tacitus Annalen. Seinem Wesen nach klar, ruhig und bedacht, würde er seine reiferen Schüler sicher zu besonnener, wohl überlegender, ins Tiefe gehender Forschung anzuleiten verstehen.

Schließlich will die Facultät nicht unterlassen bei dieser Gelegenheit den ordentlichen Honorar-Professor Dr. Gaedechens den hohen Regierungen zur wohlwollenden Berücksichtigung waren zu empfehlen. Derselbe hat seit 14 Jahren sein vorzügliches Lehrtalent unserer Universität mit höchstem Eifer und bestem Erfolge gewidmet. Außerdem hat er die archäologischen, seiner Direction anvertrauten Sammlungen mit besonderer Sorgfalt gepflegt und erweitert.

In gleicher Weise hält sich die Facultät verpflichtet, auch für den Privatdocenten der classischen Philologie, Dr. Emil Bährens, bei diesem Anlasse das wohlwollende Interesse der Durchlauchtigsten Erhalter in Anspruch zu nehmen. Er hat seine Vorlesungen gewissenhaft abgewartet, und die Erträge seiner wissenschaftlichen Reisen || und Untersuchungen in einer stattlichen Reihe, theils den Fachjournalen einverleibter Aufsätze, teils selbstständiger Bücher (namentlich textkritischer Editionen lateinischer Dichter und Prosaiker) publicirt. Besonders schätzen wir an ihm, dass er es verschmäht, sich von einer der herrschenden und sich gegenseitig befehdenden Schulrichtungen beeinflussen zu lassen, vielmehr unbeirrt seinen eigenen, selbstständigen Weg der Forschung geht.

Indem wir den illustren Senat ersuchen, vorstehenden Bericht geneigtest befürwortend an die Durchlauchtigsten Erhalter gelangen zu lassen, verharren wir hochachtungsvoll

Die philosophische Facultät.

Haeckel

d. Z. Decan.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
12-05-1877
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, BA 438, 7r-9v
ID
47837