Haeckel, Ernst; Stahl, Ernst

Referat über die Habilitation-Schrift des Dr. phil. Leo Schultze aus Jena, über:

„Das Verhältniss der Regeneration und Knospung zur Lehre von der Homologie der Keimblätter“

Decane maxime spectabilis!

Das Thema, welches Herr Dr. Leo Schultze sich für seine Abhandlung zur Erlangung der Venia docendi in unserer Fakultät gewählt hat, gehört einerseits zu den wichtigsten und interessantesten, andererseits zu den schwierigsten und unklarsten der allgemeinen Zoologie. Das zeigt schon der Einblick in die betreffende umfangreiche Litteratur, welche reich an Widersprüchen und Verkehrtheiten ist.

Der Verfasser hat sich nun die dankbare Aufgabe gestellt, dieses biogenetische Chaos kritisch zu lichten, und zwar auf dem empirischen Grunde eigener Beobachtungen über die Tunicaten, welche er in einer anderen Abhandlung speciell bearbeiten wird.||

Der erste Theil der Abhandlung stellt den Begriff des Keimblattes und seine Bedeutung für die Bildung des Thierkörpers fest – eine überaus wichtige Frage, über welche trotz unzähliger embryologischer Arbeiten bis auf die neueste Zeit eine merkwürdige Unklarheit herrschte. Nach einer guten Kritik der früheren Definitionen wird eine neue bessere gegeben, welche das Keimblatt charakterisirt als „einen Komplex von direct aus der Eitheilung hervorgegangenen Embryonal-Zellen, welcher einen bestimmten morphologischen und topographischen Organ-Character verbindet.“ Sodann wird die schwierige Mesoderm-Frage, das Verhalten der mittleren Keimblätter zu den beiden primaeren aufgeklärt, und das besondere Verhalten der Keimschichten in einzelnen Gruppen der Metazoen besprochen.

Der zweite Teil der Arbeit erörtert die Homologie der Keimblätter, welche ich zuerst 1872 in meiner Monographie der Kalkschwämme aufgestellt und in meinem phylogenetischen System zur Grundlage der Unterscheidung der einzelligen Protozoen und der vielzelligen, gewebebildenden Metazoen gemacht hatte. Der Verfasser widerlegt die scharfen Angriffe, welche neuerdings gegen || die Homologie der Keimblätter gerichtet worden sind und erörtert sehr eingehend ihre Beziehung zu Homologie der Organe. Besonders wichtig ist sodann der Nachweis der wesentlichen Verschiedenheit zwischen den primaeren Entwicklungs-Mechanismen der Embryogenese und den secundaeren Vorgängen der ungeschlechtlichen Reproduction, welche bei der Regeneration und Knospung zu beobachten sind.

Die umfangreiche Arbeit ist sehr klar disponirt, berücksichtigt alle wesentlichen Seiten des weitsichtigen Stoffes und zeichnet sich besonders durch das erfreuliche Streben nach scharfer Begriffsbestimmung vortheilhaft aus. Dieser philosophische Charakter der Abhandlung ist um so mehr zu loben, als gerade in den schwierigen Gebiete der Keimblätterlehre der gedankenlose Empirismus der modernen Zoologie sich besonders breit macht, und als die sogenannte „Entwickelung-Mechanik“ mit Erfolg behauptet, dass die eigentliche Wissenschaft ihren „exacten“ Charakter durch bloße Häufung genauer Beobachtungen und Messungen beweisen, von der Erkenntniss allgemeiner Begriffe aber absehen müsse. ||

Die Abhandlung des Dr. Leo Schultze ist als Habilitations-Schrift vollkommen druckwürdig. Es gereicht mir zur besonderen Freude, dass damit einer meiner talentvollsten Schüler in den Lehrkörper unserer Universität eintritt, der Sprössling einer Familie, die bereits in der dritten Generation durch werthvolle Leistungen auf dem Gebiete der Biologie sich auszeichnet.

Hochachtungsvoll

Ernst Haeckel

Jena, 16. Januar 1899.

Decane maxime spectabilis!

Die als Habilitationsschrift eingereichte Abhandlung, in welcher Gegenstände zur Behandlung kommen, die meinen eigenen Arbeitsgebiet zu verlegen, als dass ich mir erlauben könnte, in den einzelnen Specialfragen ein competentes sachliches Urtheil abzugeben, habe ich mit grossem Interesse gelesen und dir bei Gelegenheit gehabt auf’s Neue das mir aus der Doctorprüfung des Herrn Leo Schultze bekannte grosse Talent der Darstellung schwieriger wissenschaftlicher Fragen zu bewundern. Den intricaten Gegenstand weiss er klar und übersichtlich zu gliedern; überall sucht er in den Dingen das Wesentliche herauszufinden, scheinbare Widersprüche zu lösen und dadurch die Einheit der Auffassung zu wahren. Zu bedauern ist nur, dass die Wirkung der verdienstvollen Arbeit beeinträchtigt werden dürfte durch den Umstand, dass die eigenen Beobachtungen des Verfassers derselben nicht vorangeschickt sind, sondern erst später publiziert werden sollen. Ich schließe mich als Coreferent dem Votum des Herrn Collegen Haeckel an.

Hochachtungsvoll

Ernst Stahl

Jena den 23. Januar 1899.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
23-01-1899
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, M 649, 52r-53v
ID
47718