Goetz, Georg; Haeckel, Ernst

Bericht der philosophischen Fakultät, Jena, 6. Dezember 1885

Bericht der philos. Facultät

betreffend die Habilitationsange-

legenheit des Dr Pechuel-Loesche

Magnifice.

Herr Dr. Moritz Eduard Pechuel-Loesche hierselbst wünscht sich bei der philosophischen Fakultät für das Fach Geographie zu habilitieren. Derselbe ist geboren am 26. Juli 1840 auf die Mühlengute Zöschen bei Merseburg. Eine frühzeitig hervortretende Reiselust trieb ihn vor regelrechter Absolvierung einer höheren Schule in die Ferne. In den sechziger Jahren durchzog er Nordamerica, besuchte Westindien, kreuzte mit Walfängern bald im Atlantischen und Antarktischen, bald im Stillen und Arktischen Ocean, und verweilte je nach Gelegenheit längere oder kürzere Zeit auf Festländern und Inseln. Nach Deutschland zurückgekehrt studierte er von Ostern 1872 an sechs Semester in Leipzig und wurde bereits im Winter 1873 daselbst promovirt. Im Jahre 1874 || folgte er einem Rufe der Africanischen Gesellschaft in Berlin, um an der Loango-Expedition theilzunehmen. Nach zweijährigem Aufenthalt in Westafrica kehrte er mit der aufgelösten Expedition in die Heimath zurück, um seine Studien in Leipzig fortzusetzena. Im Jahre 1881 wurde er nach Brüssel zum König der Belgier berufen und verweilte in dessen Auftrag während des folgenden Jahres in Congoland. Seine letzte Reise nach Südwestafrica unternahm er im verflossenen Jahre.

Unter den zahlreichen Publikationen des Herrn Dr. Pechuel-Loesche sind folgende als die wichtigsten hervorzuheben:

1) Die Loangoexpedition. Erste Hälfte (Leipzig 1882) 2) der Doppelaufsatz über westafricanische und südafricanische Laterite (Ausland, 1884. No. 21. 22. 24. 26). 3) Herr Stanley und das Kongo-Unternehmen (Leipzig 1885).

Gestützt auf das Gutachten der Herrn Haeckel, Stahl, Sohncke und Steinmann glaubt die Facultät anerkennen zu sollen, dass diese Schriften nicht nur eine grosse Vielseitigkeit des Interesses und eine hinreichende Vertraut||heit mit den in Frage kommenden naturwissenschaftlichen Disciplinen bekunden, sondern auch bei der Gabe scharfer Beobachtung und anschaulicher Darstellung einen durchaus wissenschaftlichen Sinn, der sich sowohl in der vorsichtigen und kritischen Artb der Berichterstattung als in dem Bestreben bemerkbar macht, die causalenc Zusammenhänge der beobachteten Erscheinungen zu ergründen. Nimmt man die durch Autopsie gewonnene Bekanntschaft mit einem großen Theile unserer Erde hinzu sowie eine ungewöhnliche Gewandtheit in mündlicher Rede, welche derselbe in mehreren hier abgehaltenen öffentlichen Vorträgen an den Tag gelegt hat, so erscheinend damit die Bedingungen einer erspriesslichen Wirksamkeit an unserer Universität erfüllt.

Unter diesen Umständen und unter Berücksichtigung des Lebensalters des Herrn Dr. Pechuel-Loesche glaubte die Facultät von den vorschriftsmässigen Habilitationsleistungen mit Ausnahme der Probevorlesung absehen zu sollen. Sie stellt daher, da auch der Nachweis der Mittel zu einem standesgemäßen Leben erbracht ist, den Antrag, der illustrer Senat wolle das Habilitationsgesuch des Herrn Dr. Pechuel-Loesche || in dem von der philosophischen Fakultät beschlossenen Sinne an die hohen Regierungen empfehlen weiter befördern.

Jena, den 6. Dec. 1885

a gestr. wieder aufzunehmen, von Ernst Haeckel eingefügt: fortzusetzen; b gestr.: sowie die Fähigkeit, in fesselnder Darstellung die Resultate der Forschung mitzutheilen, so sind, von Ernst Haeckel eingefügt: und kritischen; c von Ernst Haeckel eingefügt: causalen; von Ernst Haeckel eingefügt: sowie eine ungewöhnliche …so erscheinen

 

Briefdaten

Gattung
Empfänger
Datierung
06-12-1885
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, M 644, 82r-83v
ID
47711