Liebmann, Otto

Missiv des Dekans der philosophischen Fakultät, Otto Liebmann, Jena, 24. Juni 1885

Senior venerande,

Assessores gravissimi!

Folgendes Habilitationsgesuch des Herrn Dr. Lang in Neapel, welcher früher in Bern Privatdozent gewesen ist und jetzt bei uns um Dispensation von den regelmäßigen Habilitationsbedingungen petitionirt, sende ich zuvörderst an Herrn Collegen Haeckel mit der Bitte, das Gesuch selbst zu begutachten und zugleich seine Meinung darüber äußern zu wollen, ob diese Angelegenheit auf schriftlichen Wege, oder in einem nahe bevorstehenden Conseß zu behandeln sei.

Hochachtungsvoll

Jena, den 24. Juni 1885.

O. Liebmann

d. Z. Decan. ||

Decane maxime spectabilis!

Herr Dr. Arnold Lang aus Aargau hat 2 Jahre hindurch (von Ostern 1874 bis Ostern 1876) hier studirt und speciell bei mir im Zoolog. Laboratorium gearbeitet, hierauf „magna cum lade“ bei mir promovirt. Ich habe ihn während dieser Zeit sowohl wegen seiner vielseitigen und ausgezeichneten Talente , als auch wegen seines unermüdlichen Fleißes und Eifers, seines tüchtigen und braven Charakters , in besonderem Maaße schätzen gelernt, und begrüße daher seinen Entschluß, sich hier zu habilitiren, mit Freuden. Da Herr Dr. Lang bereits Privatdocent in Bern 3 Jahre hindurch (von 1876-1879) zoologische Vorlesungen gehalten, und seitdem als praktischer Lehrer der Zoologie und erster Assistent an der zoologischen Station meines früheren Schülers, || Professor Dohrn in Neapel, sich vortrefflich bewährt hat, so erlaube ich mir, an die hohe philosophische Fakultät den Antrag zu stellen, dass entsprechend früheren Praecedenz-Fällen (– wie zuletzt bei Herrn Dr. Litzmann, im Januar 1884 –) verfahren, und ihm alle Habilitations-Leistungen – bis auf die Probe-Vorlesun g – erlassen werden. Ich begründe diesen Antrag besonders darauf, daß Herr Dr. Lang (jetzt 30 Jahre alt) durch seine zahlreichen und trefflichen litterarischen Arbeiten (deren Verzeichniß beiliegt) bereits unter den Fachgenossen rühmlichst bekannt ist. Seine große Monographie der Polycladen (1884, 700 pag., Quart mit 30 Tafeln) gilt als eine der besten neueren Arbeiten, und war Veranlassung, daß er bereits kürzlich (bei Besetzung der erledigten Professuren der Zoologie in Graz und Prag) mit ins Auge gefaßt wurde. ||

Meinerseits halte ich einen besonderen Consess in dieser Angelegenheit nicht für nothwendig, bin aber natürlich gern bereit, falls ein solcher gewünscht wird, jede weitere Auskunft – unter Vorlage der Arbeiten – mündlich zu ertheilen.

Hochachtungsvoll

Jena 24/6 85.

Haeckel

Dem Antrag des Hr. Coll. Häckel in allen Punkten zustimmend.

Snell

EbensoStickel

- A. Schmidt

- A. Geuther

- Gelzer

- Thomae

- Eucken (auch mir ist der Petent persönlich bekannt und schätze ich ihn sehr)

- Stahl

- Delbrück

- Pierstorff

- O. Lorenz

- Goetz

Einverstanden in diesem besonderen Fall, doch hätte ich gewünscht, dass der neulich gefasste Fakultätsbeschluß betreffs eines Correferenten nicht gleich bei der ersten Gelegenheit ignorirt würde.

Sohncke

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
24-06-1885
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, M 643, 295r-296v
ID
47709