Genzen, Karl

Karl Genzen an Ernst Haeckel, Stralsund, 21. Februar 1872

Stralsund d. 21ten Februar 72.

Hochgeehrter Herr Professor!

Mit großem Bedauern habe ich gelesen, daß die hochlöbliche philosophische Facultät die Zeugnisse über meine Staatsprüfung nicht für genügend erachtet, um mich in absentia zu promoviren. Leider bin ich nicht in der Lage, persönlich nach Jena kommen zu können, weil die Entfernung zu viel Zeit beansprucht, und ich in den nächsten Osterferien durch ein eintretendes Familienereigniß verhindert sein werde, mich auf eine Reise zu begeben. Außerdem machen äußere Verhältnisse es mir wünschenswerth, gerade noch vor Ablauf dieses Semesters die Doctorwürde zu erhalten.

Nachdem ich mich durch viele Schwierigkeiten meines Lebens habe hindurch wickeln müssen, habe ich allerdings Michaelis 1865 nur ein || mäßiges Staatsexamen absolvirt, und ich hätte es nicht gewagt, daraufhin um eine Promotion in absentia ein Gesuch zu erheben, wenn ich nicht durch zwei Nachprüfungen, deren Resultat ein Zeugniß zweiten Grades nach preußischem Prüfungs-Reglement überragt, dargethan zu haben glaubte, daß ich in der Wissenschaft nicht stehen geblieben sei, sondern nach Kräften weitergearbeitet habe. Ebenso geht doch wohl aus meiner eingereichten Arbeit über elliptische Integrale hervor, daß ich seit meiner letzten Staatsprüfung in meinen Studien jetzt sogar weiter hinausgegangen bin, als es für die facultas docendi für die Prima verlangt wird. Wenn ich die Versicherung hinzufüge, daß ich im Begriff stehe, mich binnen Kurzem einer wiederholten Staatsprüfung in Mathematik und Physik zu unterwerfen, so wird diese Versicherung zwar von keinem Belang sein. Doch möchte ich || der hochlöblichen philosophischen Facultät anheimgeben, ob es aufgrund meiner obigen Auseinandersetzungen nicht möglich und billig sein möchte, mir die Vergünstigung der Promotion in absentia zu gestatten, da eine mündliche Prüfung für mich doch nur eine Formalität sein würde. Sollte aber meinem Gesuche nicht gewillfahrt werden können, so sage ich der hochlöblichen philosophischen Fakultät, sowie besonders Ihnen, hochverehrter Herr Dekan, meinen aufrichtigen Dank für die Mühe, welche Sie von mir gehabt haben und bitte um gütige Rücksendung meiner Papiere etc.

Mit größter Hochachtung

ergebenst

K. Gentzen

Frankenstr. 29.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-02-1872
Entstehungsort
Zielort
Jena
Signatur
UAJ, M 421, 114r-115r
ID
47260