Knaupp, Wilhelm

Wilhelm Knaupp an Ernst Haeckel, Renchen, 14. November 1911

Renchen Nov. 14/1911

Hoch verehrter lieber Professor Haeckel.

Ihr mich hocherfreuender und zugleich auch a mich tief erschütternder und meine Seele aufs tiefste betrübender Brief ist bei mir eingetroffen. Was soll man bei solch einem leidvollen Geschehen denken? Neben allem Guten u. Großen liegt eben auch der Same des Unheilvollen – Kausalität, eiserne Notwendigkeit. Der Mensch inmitten des Wirbeltanzes aller Möglichkeiten, allwo tausend Fäden die unser Schicksal weben ungesehen unverhütbar fließen, ist alles erklärlich – Lieber Freund! seien Sie überzeugt, daß ich an dem Sie betroffenen Unfalle den größten Anteil nehme. u. Ich bin fest überzeugt, daß Ihre kräftige || Natur, die schon so Vieles überwunden, auch das überwinden wird, zur Freude Ihrer vielen Freunden. [!]

Die dem Briefe beigelegten Zeitungs-Aus-Schnitte interessierten mich sehr, aber Sie können überzeugt sein, daß von Allem was Sie selbst u. Ihr Werk anbetrifft Ich stets gut unterrichtet bin.

An dem großen erfolgreichen Hamburger Congress, konnte ich nicht theil nehmen, denn meine Gesundheit, die läßt halt auch viel zu wünschen übrig, aber dennoch, meine Seele jubelte auf bei den herrlichen Gesprächen so vieler geistig erleuchteter Männer u. der schöne harmonische Verlauf der Versammlung erfreute mich ganz besonders u. dann zum Schluße noch der Ehren-Zug nach Jena! Wie mag das Alles Sie gefreut haben! Hätte ich doch auch dabei sein können! – Ich erhoffe von diesem hohen Bunde noch viel Herrliches – ||

So jetzt lieber Meister u. Freund! habe Ich noch ein Anliegen, wovon Ich Ihnen schon längst Kunde gegeben hätte, wenn der fatale Unfall nicht stattgefunden hätte –. Es ist bei mir schon längst beschlossen, der großen Sache, der Sie selbst ihre besten Kräfte geopfert M 50,000 zuzuwenden, aber erst nach meinem Tode, die Zinzen b davon ungefähr M 1700-1800 jetzt schon bereitwillig dem großen Werke zuzuwenden. Jetzt möchte Ich bei Ihnen anfragen, wohin das Geld kommen soll u. wohin der Zinz. Ich möchte es käme dahin, allwo es am meisten wirkt. Ich selbst habe Neigung zu Folgendem.

Haeckels Museum M 10 000

zu sicher kommenden Haeckel Denkmal " 5 000

Dem Energiefund " 10 000

Dem Weimarer Kartell, Frankfurt " 10 000

Der Centrale des monisten Bundes " 10 000

Für ein Preisausschreiben (Buchform) über monistischen moral Unterricht, gestützt auf die Resultate der Naturwissenschaft || eine Art Gebote und Lehren; leicht faßlich für Jung u. Alt, für Schule wie Familie u. Haus, aufklärend, Geist und Gewißen befreiend von kirchlichen Feßeln und zugleich Geist wie Herz veredelnd. An solch einem Buche fehlt es noch – M. 5000

Das wäre also das Kapital

Die Zinzen: M 1800

Weimarer Kartell M 500

Centrale des Monistensbundes " 300

Energiefund " 500

Dr. Heinrich Schmidt " 500

M 1800

bei letzterem würde das Zugedachte erst dann beginnen, wenn das ihm schon früher Zugewendete abläuft, nehmlich am 1. Januar 1913.

Jedenfalls tue Ich nichts in der Sache, bis Ich Ihre hochgeschätzten Ansichten und Rat erhalten.

Mitt allerbesten Grüßen

Ihr dankbarer

Freund Wilhelm Knaupp

a gestr.: auch; b gestr.: aber

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-11-1911
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 47063
ID
47063