Knaupp, Wilhelm

Wilhelm Knaupp an Ernst Haeckel, Renchen, 18. Dezember 1910

Renchen Dez. 18/1910

Lieber hochverehrter Herr Professor Haeckel.

Das Buch (Sandalion mit Widmung) das Sie mir freundlichst zukommen ließen hat mich hoch erfreut. Der Inhalt hat mich einer Seits tief betrübt – auf der andern Seite aber hat er mich königlich gefreut, sah ich doch einen ganzen Riesen in siegreichem heißen Ringen, ganz allein, gegen eine giftgeschwollene Jesuiten-Meute ankämpfen. Ein großartiges Schauspiel! Ein 77 Jähriger, siegreich im Kampf mit einer Welt! – und Keiner da, der ihm seine Waffen abnimmt, seine glänzende Rüstung anlegt, unda den Kampf statt seiner fortsetzt, so daß der Alte, Vielerprobte aus tausend Wunden blutende, seine || wohlverdiente Ruhe fände –

Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier,

aber Menschenopfer unerhört.

Wer wird Sie ersetzen? Möge er bald erscheinen! Ich bin alt, fast eben so alt wie Sie u. um meine Gesundheit ist es schlecht bestellt; jedoch ein geistiger Feuerbrand lodert hell auf in mir für den Freund meines Herzens u. für sein Sonnenklares Wirken u. Kämpfen der trotz einer Welt von Schurken, das was sein großer Geist durch lange und schwere Geistes Arbeit ihm offenbarte, der ganzen Welt frei bekannte u. lehrte. Ich sehe im Geiste eine Zeit kommen u. sie ist vielleicht nicht mehr ferne, allwo Haeckel Denkmäler gen Himmel streben. Was aber tun seine Zeitgenoßen? Sie laßen alles ruhig hingehen wenn dem Besten seine Ehre, das jedem Mann Theuerste abgeschnitten wird. O, der Zeiten Schande! Eine große Zeit findet ein kleines Geschlecht. ||

Ich als einfacher schlichter Mann, aber durchleuchtet von Ihrem Lichte zeichnet heute noch M. 1000 in das neue Frankfurter Verlag (Redaktion des freien Worts) zu als Beitrag, zu einem Ehrengeschenk an den lieben hochverehrten Professor Haeckel zu seiner seinem Geburtstage u. Freude überb seinen Kirchenaustritt. Ich selbst bin schon lange heraus. All das diene als Antwort an die Jesuiten Meute; u. ferner als weitere Antwort: sind jährlich, auf das Wenigste M 2000 bereit, als Gabe an freie Weltliche Schulen u. Moral Unterricht; überhaupt an Schulen die in Ihrem Sinne lehren u. unterrichten. Ich bitte Sie, mir nicht übel aufnehmen zu wollen, wenn ich die Bitte an Sie stelle, mir Mitteilung und Adreßen in Hinsicht der freien Schulen zukommen zu laßen, so daß meine bereitwillige Gabe auf Plätze kommt, allwo es am Meisten wirkt. –

Was denken Sie von der Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur. Berlin. oder der deutsche || Bund für weltliche Schulen und Moral-Unterricht. Charlottenburg?

Ich sehe mit großer Betrübniß, wie so viele gewaltige Geistes-Kämpen ihr Herzblut nutzlos vergoßen, u. sterbend noch mit ansehen mußten, daß ihre Lebens-Aufgabe gescheitert sei. Ich habe die Erfahrungen gemacht, daß von unserer Seite aus zu wenig für die freiec Schule der heranwachsenden Jugend zu Wenig [!] getan wird. Alle die in der Jugend in monistischen Sinne erzogen werden bleiben uns treu – im reiferen späteren Alter ist Alles zweifelhaft – das habe ich durch vielfältige Beobachtungen herausgefunden –. Der letzte Pfennig für freie Schulen. – Jetzt hochverehrter Professor, verzeihen Sie den langen d und ungehobelten Brief. Ich schließe mit der festen Ueberzeugung daß unser großer Meister und Lehrer, trotz allem Gifte der Jesuiten, nicht daran zu Grunde geht – denken Sie nur an Lessing und die Pfaffen. Mit aller Liebe und Hochachtung

Wilhelm Knaupp

a irrtüml.: um; b gestr.: zu; eingef.: über; c eingef.: freie; d gestr.: Brief

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-12-1910
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 47059
ID
47059