Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 10. Januar 1910

Stein. Kreuz 5, Bremen, 10. 1. 10.

Mein lieber alter Freund!

Herzlichen Dank für das gütigst übersandte Dedicationsbild und für Deine Zeilen vom 6. dieses Monats . Der Inhalt des Briefes hat mich allerdings betrübt und habe ich mit grosser Teilnahme Deine Mitteilungen über das abscheuliche Benehmen Deines Amtsnachfolgers daraus entnommen. Wenn ich auch noch so sehr gewohnt bin, in Streitfragen an das „audiatur et altera pars“ zu denken, so kann ich doch in diesem Falle an keine Entschuldigungsmöglichkeit glauben. Es kommt ja oft vor, dass Leute, die ursprünglich unter gröberen Umgangsformen aufgewachsen sind und sich dann durch eigene Kraft emporgearbeitet haben, eine gewisse brutale Rücksichtslosigkeit beibehalten. Wer unter einer Menschenmasse eingekeilt ist, muss wohl einmal die Ellenbogen gebrauchen, um sich frei zu machen, wer aber in günstigere Verhältnisse gelangt ist, in denen die|| Gleichgestellten nicht mehr so dicht stehen, der sollte doch auch die grobschlächtige Art des Auftretens ablegen. Beiläufig bemerkt, passt aber die Erfahrung über die Rücksichtslosigkeit der Emporkömmlinge durchaus nicht auf alle Leute; von meinen Bremer Landsleuten würden sich zum Beispiel die Botaniker Lürssen in Königsberg und Klebahn in Hamburg gewiss nicht in ähnlicher Weise benommen haben, wie es Plate getan hat. Von Plate habe ich einige frische, klare und anregende Vorträge gehört, habe auch in Anlass derselben wohl einmal ein Wort mit ihm gesprochen; in irgend nähere Berührung bin ich nie mit ihm gekommen, weiß auch über seine hiesige Familie gar nichts. Die formale Berechtigung zu einer völlig unbeeinflussten Leitung der ihm unterstellten Institute wird Plate wohl haben, so dass es vielleicht keine geeignete Handhabe in den Bestimmungen gibt, um ihn zu einer vernünftigen und unter den obwaltenden Verhältnissen dringend gebotenen rücksichtsvollen Anwendung seiner Befugnisse zu veranlassen. Ein etwaiger Appell || an den Anstand würde vermutlich gar nicht verstanden werden.

Wenn man die Möglichkeit derartigen Benehmens vorher geahnt hätte, würde es Dir gewiss noch bei Deinem Rücktritt vom Amte leicht gewesen sein, Dira die lebenslängliche Leitung des Phyletisches Museums vorzubehalten, wenigstens wenn die finanzielle Seite der Sache geordnet wäre. Jeder weiss doch, dass das Museum Dein eigenstes Lebenswerk ist.

Mitunter werden übrigens despotische Naturen vernünftiger, wenn man sie ruhig gewähren lässt und wenn sie sich an ihrem Machtgefühl erst einmal gründlich berauscht haben. Der Stolz über das „sic volo, sic jubeo“ verliert allmählich seinen Reiz.

In den nächsten Tagen werde ich mit Vergnügen einige Abzüge unseres Wiener Jugendbildes anfertigen. Wenn man doch einmal zu Hause sitzt, kann man dergleichen nebenher bei anderen Beschäftigungen machen.

Mit herzlichen Grüßen für Dich und die Deinigen

Dein W. O. Focke.

a eingef.: gewesen sein, Dir

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-01-1910
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 46871
ID
46871