Timler, Carl

Carl Timler an Ernst Haeckel, Jena, 1. September 1880

Carl Timler

Architekt

Jena

Jena, d. 1. September 1880

Hochgeehrter Herr Professor!

Am 28. August hatte ich eine Verhandlung mit dem Oberbaudirektor Streichhan in Weimar wegen der Planausarbeitungen für das zoologische Institut und wollen Sie gütigst gestatten, daß ich Ihnen das Ergebniß hier mittheile:

Das Großherzogliche Ministerium, bzw. die Oberbaudirektion, erklärt sich gegen die von mir projektirte und von Ihnen acceptirte Grundrißanordnung, will den Eingang von Süden, die Aborte mit direktem Licht versehen und die Treppenräume kleiner, die Treppe nur zweiarmig, haben. Das flache Dach mit den höheren Umfassungsmauern will man unter der Bedingung genehmigen, daß ich eine 15‒20jährige Garantie für dessen Dauer übernehmen würde. Ich habe erklärt, daß man diese Garantie eingehen könne. Im Übrigen haben meine Vorstellungen nicht vermocht, den Herrn Oberbaudirektor umzustimmen. Die äußere Architektur tadelt man als zu schlicht und erklärt, man habe von mir Besseres erwartet. Ich habe erwidert, daß ich es, dem Programm gemäß, für meine Aufgabe gehalten, jede unnütze Decoration zu vermeiden und nur zweckmäßige und solide Ausführung anzunehmen. Verstöße gegen gute Form und richtige Verhältnisse wird man nicht nachweisen können.

Der Herr Oberbaudirektor rieth mir auch, den Flachbogen zu vermeiden, da ihn der Großherzog nicht leiden möge. Er ist aber im gegebenen Falle richtiger, als gerader Sturz oder Rundbogen, da er dem Ziegelsteinbau am Besten entspricht und die beste Lichtausnutzung gewährt.

Diese letzteren Bemerkungen scheinen mir minder wichtig. Es wird Sache des Erläuterungs-|| Berichtes sein, Alles gehörig zu beleuchten und zu begründen. Solange die Bausumme aufʼs Äußerste reduzirt bleiben soll, kann selbstverständlich auch von weitergehender ästhetischer Ausbildung keine Rede sein, und Sie sagten mir ja auch ausdrücklich, daß Ihnen die schlichte Gestaltung bei Verwendung guten Baumaterials vollkommen genüge.

Ihrer Weisung zufolge habe ich nun mit Herrn Giltsch eingehend über die Sache verhandelt und sind wir der Ansicht, daß es jedenfalls richtiger ist, den Eingang auf der Ostseite zu belassen und die Grundrißanordnung, wie wir siea angenommen hatten, nur in der Weise zu ändern, daß die Aborte an die Frontwand zu liegen kommen und also direktes Licht erhalten u. das Treppenhaus um 0,50 m geschmälert u. die Treppe zweiarmig wird.

Die Gründe sind im Wesentlichen folgende: Die Wohnung des Famulus ist geräumiger und wird durch die Beheizung derselben die Erwärmung des darüber liegenden Fußbodens ausgiebiger bewirkt. Dies bezieht sich auch besonders mit auf die Zeichnerstube, welche wegen der zu befürchtenden Erschütterungen durch die darunter angenommene Hausthür beim Arbeiten nach mikroskopischen Objekten überhaupt anders gelegt werden müßte. Es könnte dies auch geschehen, indem sie nach Osten ueber dem Zimmer des Direktors angeordnet werden könnte, während dann der Raum nach Süden als Bibliothek dienen würde; Herr Giltsch ist jedoch der Ansicht, daß die Lage nach Süden vorzuziehen sei. Ein weiterer Grund ist der, daß der Zugang nach dem Hörsaal von der Ostseite aus wesentlich kürzer und geräumiger ist als von der Südseite, oder es müßte eben auf Kosten der anstehenden Räume eine Verbreiterung desselben vorgenommen werden.

Um Ihnen klare Übersicht zu ermöglichen, habe ich Copien von den Grundrissen, wie sie das Ministerium wünscht (d. h. wie ich sie nach den zuletzt erhaltenen Weisungen ausgearbeitet habe) wie auch von dem mir und Herrn Giltsch besser erscheinenden Projekt nehmen lassen u. sende Ihnen dieselben beigeschlossen mit der Bitte, mir Ihre Ansicht und Ihr Urtheil darüber gütigst möglichst bald mittheilen und eventuell bei Großherzoglicher Oberbaudirektion Vorstellungen erheben zu wollen. – Die 2b Zwischenwände der Sammlungsräume können ohne Nachtheil || für die Stabilität des Gebäudes wegbleiben, wie jetzt in den Grundrissen angenommen ist. Die oberen Wände erhalten dafür unterliegende Eisenträger. Der Hörsaal und der darüber liegende Arbeitssaal werden wegen der Schmälerung des Treppenraums um je 0,25 m länger.

Die Anordnung der niederführenden 2 Stufen in Ersterem wollte ich so bewirken, wie im Grundriß angegeben, so daß sich ein Podium für Eingangsthür, Thür nach den anstoßenden Sammlungen und für das Katheder bildet.

Der Raum- u. Kostenersparniß halber möchte ich die Mittel- und Schiedmauern im Innern wenigstens zum Theil von Fachwerk ausführen. Haben Sie dagegen Bedenken? –

Hoffentlich findet Sie mein Brief noch in der Schweiz oder wird Ihnen umgehend nachgesandt und erreicht Sie im schönen Italien und würde es mir sehr angenehm sein, wenn Sie mir gütigst bald eine Rückäußerung zukommen lassen wollten! Ich möchte sehr gern die angefangene Arbeit zu Ende führen und kann leider jetzt nicht weiter daran schaffen.

Mit den besten Wünschen für Ihr Befinden empfiehlt sich

in größter Hochachtung

Ihr ergebenster

Carl Timler

Beigeheftet 2 Blatt Copien.

P. S. Herr Oberbaudirektor Streichhan in Weimar ist leider auch auf ca. 4 Wochen verreist und konnte mir noch nicht angeben, wohin er gehen werde. Es dürfte deshalb doch am Gerathensten sein, direct an Großherzogliches Staatsministerium nach Weimar die geeigneten Vorstellungen zu richten. –

Herr OAG Rath Ausfeld sagte mir, daß er die Angelegenheit im Landtage bestens vertreten wolle. Sie hatten schon mit ihm Rücksprache genommen.

Der Obige

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-09-1880
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 46825
ID
46825