Harnier, Eduard von

Eduard von Harnier an Ernst Haeckel, Frankfurt am Main, 18. Mai 1886

JUSTIZRATH DR. EDUARD VON HARNIER

NEUE MAINZERSTRASSE 53

FRANKFURT A. M.

den 18. Mai 1886.

Sehr geehrter Herr Professor!

Besten Dank für Ihre Zuschriften vom 14. und 17. cr. zu deren Beantwortung ich erst heute komme, weil ich von Sonnabend bis Montag von hier abwesend war. Wie Sie aus der unten aufgeschriebenen Abschrift der Schenkungsurkunde entnehmen, hat sich die Angelegenheit, Stiftung des Herrn Paul von Ritter betreffend rasch, und ich zweifle nicht daran, zur allseitigen Zufriedenheit geordnet. Jetzt hegt Herr von Ritter nur noch den Wunsch, daß auch das weiter Erforderliche mit thunlichster Beförderung erledigt werde. Er hat mich deßhalb ersucht, persönlich nach Weimar zu reisen, das Nöthige zu besorgen und – Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog in seinem Namen persönlich für die Annahme der Schenkung zu danken. Auf Letzteres scheint er besonderen Werth zu legen und anzunehmen, daß Sie mich vorstellen oder doch anwesend sein werden was natürlich auch mir zur Freude gereichen würde.

Die von Basel datirte Schenkungsurkunde ist in meinen Händen; ebenso eine auf meinen Namen lautende beglaubigte Generalvollmacht des Herrn von Ritter. Die Auszahlung der M 130.000 werde ich Namens desselben in der Art in Weimar bewerkstelligen, daß ich die nach ihrem Courswerth inclusive Zinsen bis zum 25. cms. berechneten bekannten Werthpapiere in natura und den Rest bis zu M 130.000 in baar alsbald nach Erledigung der Formalien übergebe. – Da ich sonach in ganz Kurzem das Vergnügen haben werde, Sie zu sehen und zu sprechen, fasse ich mich kurz und füge nur || noch bei, daß Herr von Ritter auf die Genehmigung zur theilweisen Verwendung des Schenkungskapitals einzugehen nicht bereit war, und daß ich von Allem Vorstehenden heute auch dem Herrn Ministerialdirector Guyet direkt Nachricht gegeben habe.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebenster

Ed. von Harnier.

P.S. Herr von Ritter wird Morgen schon nach Basel zurückreisen.

[Beilage]

Stiftungs Urkunde.

Von der Absicht geleitet, die Forschung auf dem Gebiete der heutigen Entwicklungslehre zu fördern, welche durch Charles Darwin begründet und in Deutschland vor allem durch Professor Ernst Haeckel in Jena ausgebildet worden ist, stifte und schenke ich kraft gegenwärtiger Schenkungsurkunde der Universität Jena auf ewige Zeiten und unwiderruflich für mich und meine Erben ein Kapital von M 300.000, in Worten Dreihundert Tausend Mark, mit der Maßgabe, daß à Conto desselben alsbald M 130.000, in Worten hundertdreißigtausend Mark, der Rest der geschenkten Summe M 170.000 in Worten Hundersiebenzigtausend Mark aber längstens innerhalb dreier Monate nach meinem Ableben durch meine Herren Testamentsvollstrecker berichtigt wird unter nachstehenden ausdrücklichen Bedingungen und Vorschriften:

§ 1.

Der geschenkte Kapitalbetrag von M 300.000 ist unter dem Namen

Paul von Ritter‘sche Stiftung für phylogenetische Zoologie

nach den für die Vermögensverwaltung der Universität Jena bestehenden Vorschriften, jedoch besonders, zu verwalten.

§ 2.

Das jährliche Reinerträgniß des Stiftungskapitals ist, vorbehaltlich der Genehmigung der Großherzoglich und Herzoglich Sächsischen Staatsregierungen, nach freiem Ermessen des jeweiligen Ordinarius für Zoologie an der Universität Jena, also zunächst des Herrn Professor Ernst Haeckel, nach dessen freiem Ermessen im Sinne des Stiftungszweckes zu verwenden.

§ 3.

Sollte im Laufe der Zeiten die Universität Jena aufgehoben werden, so fällt das Stiftungskapital nach der Bestimmung des regierenden Großherzogs von || Sachsen-Weimar einer anderen, ausschließlich der Förderung der phylogenetischen Studien dienenden wissenschaftlichen Anstalt zu.

§ 4.

Sobald diese Stiftung mit Genehmigung der Großherzoglich und Herzoglich Sächsischen Regierung von der Universität Jena urkundlich angenommen und die gerichtliche Insinuation der Schenkung bewirkt sein wird, verpflichte ich mich, die in § 1 genannten Summen von Mark Hundert Dreißgtausend (M 300.000) der Universität Jena, vertreten durch das Großherzoglich Sächsische Staatsministerium, Departement des Herzoglichen Hauses und des Cultus, zu übergeben.

Zu Urkund dessen habe ich den gegenwärtigen Stiftungs- und Schenkungsbrief eigenhändig unterschrieben und besiegelt.

So geschehen Basel 17. Mai 1886

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
18-05-1886
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 46601
ID
46601