Nippold, Friedrich

Friedrich Nippold, Prorektor der Universität Jena, an die Professoren der Universität, Jena, 5. November 1903

Grossherzogl. und Herzogl. Sächs.

Gesammt-Universität

Der Prorektor

Jena, den 5. November 1903

Hochgeehrte Herren Collegen!

Die bevorstehende Landtagswahl legt denjenigen Collegen, welche auf die bisherige Steuerfreiheit verzichtet haben, die Verpflichtung auf, auch an dieser Wahl Theil zu nehmen. Wir sind überdies in die Klasse der sogenannten Tausendtalermänner aufgerückt, die nicht hier in Jena wählen können, sondern zur Wahl der Wahlmänner nach Apolda müssen. Da wohl die größere Zahl der Collegen in diese Kategorie fällt, folgt daraus die weitere Consequenz, daß zu den bisherigen dies academicis noch ein neuer hinzukommt. Es liegt das aber gewiß nicht im öffentlichen Interesse, und ich habe daher qua Prorektor nichts unterlassen, um bei Zeiten auf diesen Übelstand hinzuweisen und an kompetenter Stelle um Abhülfe zu bitten. Zunächst habe ich bei der Bezirksdirektion auf die für die Universität entstehende Notlage aufmerksam gemacht und angefragt, ob die Wahl nicht, wie es früher schon der Fall war und wie es nach dem Bau des Volkshauses noch erleichtert ist, in Jena stattfinden könne. Die Bezirksdirektion hat umgehend geantwortet, daß ihr die Bestimmung des Ortes nicht zustehe, sondern dem Herrn Wahlkommissar. Letzte-||rer erwiderte sodann im Anschluß daran, daß der centraleren Lage Apolda wegen (zumal mit Rücksicht auf die Wähler von Altstedt und Umgegend, die rascher nach Apolda als nach Jena kommen) der Wahlakt in Apolda stattfinden müßte. Darauf bin ich, da diese Consequenz eines völlig unzeitgemäßen Wahlgesetzes uns nötigen würde, statt unseren amtlichen Verpflichtungen nachzukommen, einen ganzen Tag totzuschlagen, bei dem Staatsministerium in Weimar vorstellig geworden und habe für die durch ihre amtliche Tätigkeit verhinderten Collegen um Dispens nachgesucht. Auch dies ist jedoch abgelehnt und uns statt dessen die Belehrung zu Theil geworden, dass die Universitätslehrer in der Erfüllung jener Staatspflicht den anderen Wählern ein Vorbild zu geben hätten. Es bleibt mir somit nur noch der Weg übrig, diejenigen Herren, welche amtlich verhindert sind die Reise nach Apolda zu machen, zu ersuchen, zeitig eine Entschuldigung an die Bezirksdirektion in Apolda zu senden. Die Nichtausübung der Wahlpflicht ist nämlich auch bei den Landtagswahlen unter Umständen unter Strafe gestellt. Und der gute Wille, den Akademikern in solchem Fall Strafen aufzuerlegen, ist uns bereits zu einer Zeit, wo wir überhaupt noch keine kein städtisches Bürgerrecht besaßen, sogar bei den städtischen Wahlen deutlich gemacht worden. Damals hat Herr College Pierstorff auf dem Prozeßwege unsere alten Gerechtsame gewahrt. In der jetzigen Sachlage würde – obgleich schwerlich jemand bei dem Verzicht auf || seine Steuerfreiheit daran gedacht hat, daß dieser Verzicht auch die Zeitversäumnis und die Kosten der Reise nach Apolda bedingen würde – höchstens noch ein Rekurs an die Regierungen der anderen Erhalterstaaten gegen das für den Weimarer Landtag verlangte Vorrecht übrig bleiben. Aber dazu reicht für diesmal die Zeit nicht.

Indem ich Ihnen daher die vorstehenden Mitteilungen mache, die ihnen dartun werden, daß meinerseits keine Pflichtversäumnis in der Wahrung unserer gemeinsamen Interessen vorliegt, brauche ich wohl kaum beizufügen, daß diejenigen Collegen, welche sich die Steuerfreiheit reserviert haben, auch die Befreiung von der Reise nach Apolda und von der Gefahr, in Strafe gezogen zu werden, genießen. Für mich persönlich werde ich mich mit der Steuer mit der Unaufschiebbarkeit der zahlreichen täglichen Geschäfte, die es dem Prorektor nicht einmal gestatten, eine Nacht außerhalb Jena’s zuzubringen, entschuldigen. Der Herr Universitätsamtmann ist, falls er unserem Actuar Urlaub für Apolda gibt, ebenfalls verhindert. Bei den Leitern der Kliniken wird es ähnlich stehen. Bei den Herren Collegen, welche Seminarien, Privatissima oder gar bloße Collegien zu ihren Amtspflichten zählen, bin ich natürlich gern bereit, dies amtlich zu beglaubigen. Nur kann ich leider keine Bürgschaft dafür übernehmen, wie weit diese Interessen der Universität gegenüber der „centraleren Lage“ von Apolda – zumal im Vergleich mit Altstedt und || Umgegend – als genügender Entschuldigungsgrund in Betracht kommen würden.

Nippold

d. Z. Prorektor

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-11-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 45232
ID
45232