Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 24. Juni 1863

Berlin 24 Juni 63.

Liebe Kinder!

Wir sind nun endlich so weit, daß wir morgen früh (Sonnabend) nach Landsberg abzureisen gedenken, dort wollen wir etwa bis zum 3 August bleiben und denken den 4ten in Hirschberg einzutreffen und dort bis zum 25sten od. 26sten zu bleiben, am 27sten wieder hier einzutreffen, am 29sten ist Hochzeit in Potsdam, wo man uns durchaus haben will. Wir denken also mit Carl der Hochzeit beizuwohnen. Tante Weiß ist wieder hier und erwartet Euch zum 6ten August. Gestern Abend waren wir bei Barth, der Euch herzlich grüßen läßt. Er wird etwa den 9ten 10ten August nach Steyermark und Tyrol od. nach der Schweitz reisen und gedenkt Anfang October wieder hier zu sein, so daß Du noch den October über mit ihm zusammen sein wirst. Auch Perz habe ich gesprochen, er grüßt Dich ebenfalls. Wenn Du im September herkommst, möchtest Du Dich nur gleich bei ihm melden (er kannte Dein Buch) und Dir soll alle mögliche Unterstützung gewährt werden. Wir haben hier in den letzten 14 Tagen sehr veränderliches Wetter gehabt, sehr kalte Tage, dann wieder sehr schwüle und sehr häufige Regenschauer.

Ich habe die letzten Wochena benutzt, um mich möglichst vollständig zu orientiren. Der Briefwechsel zwischen dem Kronprinzen und König in der Süddeutschen Zeitung ist ächt. Die Reaktionärs suchen auszusprengen, er sei unächt, das ist aber nicht wahr. Diese Aussicht, welche das Benehmen des Kronprinzen gewährt, hat die Lage der Dinge sehr verbeßert. Man kann wenn nicht früher doch bei seiner Thronbesteigung ein Ende absehen. Kommt es aber wegen Polen zum Kriege, so kommt die Sache früher zur Entscheidung, indem der König bei seinem jetzigen System auf die Unterstützung des Volks nicht rechnen darf und keinen Krieg zu führen im Stande sein wird. – Mir sind die Dinge gewaltig im Kopf herumgegangen und ich habe einige sehr schlimme im Innern höchst beunruhigte Wochen verlebt. Du kennst meine vulkanische Natur, mit welcher ich in einem fort zu kämpfen habe und Du mußt Dich auch in solchen Kämpfen zu üben suchen. Ich kann in Gesellschaft äußerlich ganz ruhig sein, während es in mir kocht und tobt. Mutter läßt Dich nochmals dringend bitten, Dich ja in Leipzig und Stettin recht in Acht zu nehmen und Dir nicht unnützer Weise Unannehmlichkeiten zu bereiten. Es kommt jetzt nur darauf an, das Volk wachzuhalten, daß es durch den fortwährenden Druk nicht eingeschläfert wird und empfänglich bleibt bis zur Stunde der Erlösung. Dieses soll geschehen durch Verbreitung von Flugschriften. Die Sache ist aber noch nicht recht im Gange, sie muß noch geordneter ins Leben treten, und dazu hat sich ein Verein gebildet. Inzwischen sind schon einzelne erschienen, z. B.b die Rede von Prince-Smith in Stettin an seine Wähler, || die recht gut geschrieben ist. Ferner haben 80 Kammerdeputirte in Cölln ein Fest gehabt, wobei recht verständig und gut gesprochen worden ist. Die Beschreibung dieses Festes findet sich in der Emser Zeitung. Ich will nun sehn, wie die Sachen in Schlesien aussehn. Jetzt geht alles auf 6–8 Wochen auf Reisen. Von Hirschberg aus denke ich mehrere Ausflüge zu machen. Ich bin hier viel beßer auf den Beinen gewesen wie in Jena. Woher das kommt weis ich nicht. Am Montag hatten wir die Frau Passow, Adelaine Seebeck und die Lachmann mit den Kindern bei uns. Grüße Hℓ. Staatsrath Seebeck recht herzlich. Es hat uns doch sehr in Jena gefallen und wir denken mit Vergnügen daran zurük. – Gestern Abend wurde in der Gesellschaft erzählt, daß Steudner im Sudan am Klimafieber gestorben ist. Der Engländer Barke, welcher Speck auf dem Nil getroffen, gedenkt nun c deßen Entdeckungen über die Nilquellen noch zu vervollständigen. Er geht nach dem Süden und hat Speck den Weg nach Norden gezeigt. – Von Hirschberg aus sollt Ihr nun weitere Nachrichten über unsern Aufenthalt in Landsberg erhalten. – Mutter wird wahrscheinlich eine Schwester von unsrer Luise als Hausmädchen miethen, die hier zum Besuch ist.

Die letzten Wochen sind sehr unruhig gewesen. Quinke geht in diesen Tagen nach der Schweitz und Tante Gertrud ist bereits nach Ems abgereist, wo sie die Kur brauchen will. Sie war etwas herunter gekommen. Vor einigen Tagen haben wir Minna v. Barnhelm gesehen, welches Stük im d Friedrich Wilhelms Theater von Schauspielern des Burgtheaters in Wien sehr gut gegeben wurde. Gestern Abend in der Gesellschaft kam es zur Sprache, daß Du in diesem Sommer zu viel Collegien gelesen hast, dieses zersplittert Deine Kräfte zu sehr und verhindert ein tieferes Eindringen in die Wißenschaft. D. Parthey war gestern Abend auch bei Barth. Er ist seit einigen Wochen aus Italien zurük und hat 4 Wochen in Rom zugebracht. Er ist in 7 Tagen von Neapel bis Prag gereist. Zu Schiffe von Neapel bis Genua in 2 Tagen, sodann über Mailand nach Brescia, von da nach Venedig, von da nach Triest, von da nach Wien und von da nach Prag. Was man jetzt in so kurzer Zeit nicht alles leisten kann! Nun liebe Kinder, lebt recht wohl und gesund und denkt fleißig an uns. Mutter ist mit dem Einpaken sehr beschäftigt und grüßt aufs herzlichste

Euer Alter

Hkl.

a eingef.: Wochen; b eingef.: z. B.; c gestr.: sein; d gestr.: Th

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
24-06-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44965
ID
44965