Manczyk, Heinz

Heinz Manczyk an Ernst Haeckel, Berlin-Charlottenburg, 5. September 1916

Charlottenburg, den 5.9.1916. | Gervinusstraße 19a

Sehr geehrter Herr Professor!

Nach langem Überlegen habe ich mich entschlossen, Ihnen ein Exemplar meines Manuskriptes „Die Tropfsteinhöhle“ – eine Vorführung in vier Abtheilungen – zu übersenden, obwohl Sie sich z. Zt. ausdrücklich die Einsendung von Manuskripten verbeten haben. Ich sende es hauptsächlich aus dem Grunde, um Ihnen zu beweisen, daß ich trotz aller schlimmen aeußerlichen Umstände in der Zwischenzeit nicht müßig gewesen bin, in der Vollendung des genannten Dramas eine alte in mir schlummernde Idee über die Gestaltung eines modern-populären deutschen Kunstwerks als einen ersten Versuch, der als solcher noch keine Vollendung in sich birgt, zur Ausführung gebracht habe. Es ist melodramatisch beabsichtigt, und zwar hätte das Orchester in besonderer Form mitzuwirken. Von einer Aufführung in diesem Sinne verspreche ich mir einen großen Erfolg. Meine bisherigen Bemühungen, das Werk gedruckt zu erhalten, sind sämtlich fehlgeschlagen, und ich habe auch keine großen Hoffnungen – kaum noch den Ehrgeiz – gegenwärtig einen Verleger dafür zu finden.

Sollten Sie sich gelegentlich die Zeit nehmen, verehrter Herr Professor, das Manuskript zu lesen, so sollte es mich sehr freuen, Ihnen vielleicht mit der || Lektüre eine angenehme Stunde bereitet zu haben. Ich bitte Sie dies freundlichst als eine Widmung für Sie, verehrter Herr Professor, annehmen zu wollen an Stelle eines Druckexemplars, wie ich es Ihnen zu überreichen ursprünglich die Absicht hatte.

Nachdem sich in meinen äußerlichen Verhältnissen noch nichts geändert hat, ich noch völlig im Finstern tappe und der Boden so zusagen unter mir immer bedenklicher ins Schwanken gerät, sehe ich mein einziges Heil in rastloser Arbeit, um die Daseinsart noch ertragen zu können, und beginne jetzt eine Prosaschrift, die Kriegserlebnisse in sich verarbeiten soll und darum – mit einigen Abstreifungen in medizinisch-philosophisches Gebiet – sehr aktuell zu werden verspricht. Wahrscheinlich eben deswegen wiederum nicht druckfähig. Der Titel ist vielsagend und wirkt beinahe einladend: „Eine Reise ins Reich des Unbewußten“ und ich hoffe einer so vielversprechenden Überschrift gerecht werden zu können.

Indem ich Sie bitte, mir Ihr freundliches Wohlwollen zu bewahren, verbleibe ich in Bewunderung und Anhänglichkeit Ihr Ihnen stets treu ergebener

Heinz Manczyk

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-09-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44657
ID
44657