Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 21. Dezember 1859

21 Dcmb.

Lieber Ernst!

Wir haben hier vollständigen Winter etwas Schnee, am Tage 5 Grad, in der Nacht 10 Grad Kälte. Ich gehe nur im Pelz aus. Die Tage werden mir außerordentlich kurz, vor 8 Uhr wird es nicht Licht. Vor 9 Uhr komme ich nicht zum Frühstück, dann lese ich Zeitungen, schlafe etwas und lese oder schreibe bis mit Mittag um 1 Uhr. Von 1-2 Uhr spatzieren, um halb 3 Uhr Mittagbrot. Um 4 Uhr Kaffee um 5 ins Colleg zu Droysen, dann schlendre ich noch etwas herum (bei Laternenschein) mache etwa einen Besuch, komme gegen 8 Uhr zur Mutter, um 9 Uhr Thee, um 10-11 Uhr wird vorgelesen (über Schiller, Goethe, Humbold etc). So vergeht die Zeit unendlich schnell. Den 8. Aprill ist Ostern, ohngefähr um diese Zeit hoffen wir Dich wieder hier zu haben. Jetzt ist Mimmi Karl und die 4 Kinder bei uns, die sehr amüsant sind. Zum rechten Studium komme ich nicht. Mit dem König geht es sehr schlecht, es wird wohl nicht mehr lange dauern. Nach seinem Tode wird sich manches ändern. Am 12 Januar treten die Kammern zusammen, da wird es ziemlich hart über die Veränderungen in der Organisation der Armee hergehen.

Am Sonntag war ich mit Mimmi bei Julius in Potsdam. Tante Bertha ist sehr krank, sie hat die Rose im Gesicht, welches ganz verschwollen ist. Unsere Mama schleppt sich so fort. Sie liegt viel auf dem Sopha. Die Kinder machen ihr viel Spaß. Ihre Kräfte wollen noch nicht recht wiederkommen. Quinke vertröstet auf den Sommer und die Wiederholung von Teplitz. Weihnachten können wir Dir bei der großen Entfernung nichts schicken. Du mußt den Aufenthalt auf der Insel Capri und die Reise durch Sicilien für Dein Weihnachten rechnen. Richthofen wird wahrscheinlich noch für Japan engagirt, er ist jetzt hier. Bedingungen die er macht: er geht von hier direkt nach Singapore, von dort nach Japan. Auf dem Rückweg nach China. Von da a zu Lande durch Sibirien und Rußland nach Europa. Die Reise kann 3-4 Jahr dauern. Der Abschluß ist wahrscheinlich aber noch nicht gewiß. Deine Abhandlung über die Augen der Seesterne b ist nun angekommen. Soll ich nicht Ehrenberg (der sich immer fleißig nach Dir erkundigt) und Virchow ein Exemplar geben? Ich dächte, es wäre schicklich. – Schließe Dich nicht zu sehr von den Menschen ab und gehe Abends zuweilen zu den deutschen Kaufleuten, denen Du empfohlen bist. Du darfst den Umgang mit Menschen durchaus nicht vernachläßigen. Man muß mit den Menschen umgehen lernen, um Zutritt zu Ihnen zu erhalten und sich auf diese Weise auch die Wege zu wißenschaftlichen Forschungen zu bahnen. Die gesellige Bildung enthält die Eintrittskarte zum Verkehr mit Menschen. Wenn mich und Dich Gott leben läßt, so bin ich sehr begierig auf Deine Rückkehr und wie Du Dich durch diese Reise verändert haben wirst. Goethe kehrte nach seinem Aufenthalt in Italien sehr verändert nach Deutschland zurück.

Dein alter Vater Hkl

a gestr.: hier; b gestr.: sind

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
21-12-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 44424
ID
44424