Martens, Eduard von

Eduard von Martens an Ernst Haeckel, Berlin, 3. März 1859

Berlin 3 März 1859

Lieber Freund.

Mit innigem Vergnügen habe ich Deine Briefe, welche a Dein lieber Vater so freundlich war mir vorzulesen, angehört, manche alte Erinnerung tauchte in mir auf, oft mußte ich Dir Recht geben, aber nicht immer. Ich glaube es gieng Dir wie fast Jedem, soviel Neues man auch empfängt, man räumt es anfänglich immer in die alten Schubladen ein, so scheinen mir z. b. in Deinem Brief b noch antikreuzzeitungs-Reminescenzen durch in dem Absprechen über „die mittelalterliche Kunst“. In Rom ist meines Wissens wenig von c Kunstwerken aus dem Mittelalter vorhanden, sondern d die bekannten und besuchten, von Raphael, Michele Angelo, die Peterskirche etc. gehören dem Beginn der Neuzeit, dem Zeitalter f von Columbus u. Luther an, eine Zeit, die mir um nichts weniger werth ist, als die schönste Zeit Griechenlands; g jene schloß mit dem dreißigjährigen, diese mit dem peloponnesischen Krieg. Daß die Päbste der Kunst feindlich waren ist falsch, viele, gerade in jener Zeit, begünstigten sie sehr; Julius II steht in engem Zusammenhang mit der Blüthe der Malerei durch Raphael. Auch klassische Studien begünstigten die Päbste, wollte doch Einer die Bibel nicht lesen, um seinen lateinischen Stil nicht zu verderben! || Und so sehr ich auch selbst der Gegenstände aus der heiligen Geschichte u. namentlich des unästhetischen Sanct Sebastian „mit Pfeilen gespickt wie ein h Igel“ u. dgl. satt wurde, der Madonnencultus mit seiner Idee der Mutterliebe u. der milden Herrschaft der weiblichen Würde, steht mir doch hierin entschiedeni höher als die antike Kunst, welche im Weibe fast immer nur das Objekt der Sinnlichkeit, des Besitzes sieht. Wer das Alterthum, wer überhaupt irgend eine Zeit unbedingt u. durchaus lobt, der sagt damit selbst, er kenne es oder wolle j sich selbst verblenden.

Es hat mich gefreut zu erfahren, daß Du außer jener Geschichtsphilosophie auch die Natur k in der Umgebung Roms studierst u. dabei eine so wichtige Entdeckung gemacht hast, die Du freilich ganz bescheiden nur gelegentlich erwähnst, die latinischen Berge nämlich neben den albanischen l (vulkanisch) u. sabinischen (Kalk), die noch kein Reisender gesehen, kein Geograph verzeichnet hat.

m Kommst Du nach Paestum, so erinnere Dich, daß an den alten Tempeln eine flache weiße stark gestreifte Helix u. eine langgezogene Clausilia leben, die ich beide gern hätte, u. in Sicilien thu auch ein paar lebende Schnecken in Spiritus, damit n ich noch ihre Weichtheile untersuchen kann. Mir geht es gut. Nichts für ungut

Dein Martens

a gestr.: mir; b gestr.: versch; c gestr.: Kus; d gestr.: das; e korr. aus: Michael; f gestr.: der Entde; g gestr.: ja u. auch; h gestr.: Schwei; i gestr.: unendlich; eingef.: für; j gestr.: es; k gestr.: u da; l gestr.: u. sabini; m gestr.: Hoffentlich; n gestr.: ih

 

Letter metadata

Empfänger
Datierung
03.03.1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44389
ID
44389