Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 01. Februar 1860

Berlin 1. 2. 60.

Heute wird mir wirklich bange um Dich, mein lieber, guter Erni, denn später, wie Dienstag ist noch nie ein Brief aus Messina angekommen und doch scheint der Mittwoch auch vorüber gehen zu wollen, ohne meine Sehnsucht zu stillen. Vielleicht hat der Traum dieser Nacht mir den Grund dieser Verzögerung eingegeben, denn den Gedanken, Dir könne etwas zugestoßen sein, wage ich nicht auszudenken. Ich befand mich in dieser Nacht mit Dir zusammen auf dem wild bewegten Meere in großer Gefahr; Schiff auf Schiff ging vor unseren Augen zu Grunde; das Meer war bei bei [!] dem Sturm so großartig und wunderbar schön, daß das Auge, geblendet von seiner Majestät und furchtbaren Gewalt, die Gefahr übersah, und ob wir wirklich gerettet sind, weiß ich nicht, denn ich wachte mitten beim heftigsten Sturme auf und mußte mich lange besinnen, da die Natur wunderbar mit meiner Phantasie correspondirte; draußen heulte der Wind und jagte den fallenden Schnee, der heute die Straßen dicht bedeckt. Mit meinem Schlaf steht es immer noch schlecht; doch bewährt es sich wieder, daß mein Körper nicht viel Schlaf bedarf, denn sonst könnte ich den Tag über nicht frisch und fleißig sein. Um Beschäftigung ist mein Geist in den wachsen [!] Stunden der stillen Nacht nicht verlegen und ich denke immer beßer Du wachst und der Erni schläft, als umgekehrt, denn Deine lieben Augen sind am Abend nach dem anstrengenden, fortwährenden Mikroskopiren erschöpft genug, um den Schlaf nicht entbehren zu können, dem Du nach Deinen Briefen auch wenig Zeit gönnst. Hoffentlich bist Du immer noch so zufrieden und glücklich bei Deiner Arbeit, zu der das Meer gewiß fortwährend schönes, intereßantes Material liefert. Alle Morgen werfe ich ihm, denn das Bild hängt jetzt über Salzbrunn über meinem Schreibtisch, einen freundlichen Blick zu und bitte um Gewähr alles deßen, was der forschende Sinn und der wißenschaftliche Trieb meines lieben Schatzes verlangt. || In Ermangelung eines neuen Briefes hat der herrliche Tropengarten oft herhalten müßen und mit immer wachsendem Intereße und stiller Sehnsucht nach Schauen dieser Naturpracht, an der andere Welttheile so reich sind, habe ich Deine begeisterten Schilderungen gelesen und mich wieder gefreut, wie das Glück Dir immerfort, so auch dort im Buteragarten hold war. Hättest Du den Direktor, und in diesem einen so gemüthlichen und umgänglichen Süddeutschen nichta gefunden, Dir wäre manche Pflanze, mancher Baum unbekannt geblieben und manches Verständniß der ganzen Anlage etc. wäre Dir entgangen. Wie freue ich mich auf die Vegetationsansichten, die selbst Künstler für gelungen erklärten; was für ein Urtheil wird dann die Geliebte fällen? Wie gern hätte ich mich in dem schönen Garten an Deine Seite geschlichen und hätte Deine Freude über die herrlichen Naturprodukte von Herzen getheilt. Du schreibst in Deinem letzten Briefe nichts über den Dr. Käferstein und den Studenten. Was sind das für Leute und wie lebst Du mit ihnen? Das muß Deine Aenni wißen, die Dirb bis dahin stündlich bald auf das Meer, bald an den Kaffeetisch, dann an den Arbeitstisch und Mittags beim Dr. von Bartels und Abends am schönen Hafen und an Deinen Schreibtisch folgen konnte. Mir zu folgen wird Dir jetzt auch nicht schwer werden, da ich ganz still zu Haus lebe und nur in den Mittagsstunden spazieren gehe. Für meine Cousine, Sophie Jacobi, ist mir dies recht leid, doch hoffe ich bald Museen, Bildergallerien etc. mit ihr abpatroulliren zu können; bis jetzt führt sie ihr Bruder wöchentlich zweimal in’s Theater, wovon sie bei frischer, lebendiger Auffaßung und Intereße und Verständniß von der Musik und den klaßischen Stücken viel Genuß hat, den ich mir in Gedanken auch nicht abgehen laße. Sie ist eine offene, heitere, wenn auch etwas äußerliche Natur, mit der ich sehr gut fertig werde. || Nun höre von meinem Tageslaufe, den mein letzter flüchtiger, durch wiederholten Besuch abgekürzter Brief Dir vorenthalten hat, und den Du doch gern weiß’t.

Mittwoch 25 kam ich also erst nach Tisch zum Schreiben und wurde dabei von Magdalene Dieckhoff, dann Bertha Sethe unterbrochen, die zum Abendbrot hier blieb und mit Sophie und Heinrich in Compagnie sehr lustig waren. Vorher besuchte uns noch Fräulein Scheffler eine Stunde, eine Bekanntschaft aus Karlsbad, die ich sehr lange nicht gesehen hatte. Mutter und Sophie, die bei Untzers Kaffee getrunken und dann Helene besucht hatten, waren kaum zurückgekommen und ich hatte eben meinen Brief expedirt.

Donnerstag 26 war den ganzen Tag grauenhaftes Wetter, das Mutter und Sophie nicht abhielt, Tante Gertrud, Tante Bertha und Wollards zu besuchen, während ich bei meiner Arbeit das schöne Bundeslied von Arndt lernte, der nun schon seinen freien Geist ausgeathmet hat und heute beerdigt wird. Der jugendliche Greis hat herrlich abgeschloßen, kaum hat er seinen 90 Geburtstag erlebt, wo ihm so reiche Liebe und Anerkennung von allen Seiten zu Theil geworden ist, die er bei seinem rastlosen Eifer für die Befreiung und Selbstständigkeit Deutschlands wohl verdient hat, so schläft er sanft in Folge einer Lungenlähmung ein, nachdem er nur wenige Tage krank gewesen ist. Für ihn ist es ein Segen, für sein prächtig kleines Frauchen und viele Freunde ein unersetzlicher Verlust. Die arme Frau ist doppelt zu beklagen, da ihr eine hoffnungslos kranke Tochter, ein reizendes Geschöpf, die in Kiel verheirathet ist, bleibt, sowie vier ungerathene Söhne, von denen einer in Amerika existirt, der andere in Köln ganz verlümmelt sein soll und zwei zwischen 30 und 40 Jahr alt, leben bei ihnen in Bonn, d. h. treiben und thun gar nichts und liegen in den Weinhäusern herum, ein merkwürdiges Schicksal für solchen thätigen, thatkräftigen und energischen Vater, wie der alte Arndt bis an sein Lebensende gewesen ist. || Donnerstag Mittag aßen Theodor und Louis hierc, mit welchem ersteren ich wie jetzt alle Donnerstage zusammen englisch las: peasant life in Germany, ein höchst drolliges Buch einer Engländerin, die Deutschland bereits’t und bei flüchtiger Kenntniß des Landes und des Volkes die seltsamsten Urtheile fällt, die einen Deutschen, der natürlich sein Land beßer kennt, durch die naive Art, wie [xxx] ausgesprochen werden, weniger ärgern, als sehr amüsiren. Abends schrieb Alles eifrig; Mutter an Bertha, Sophie an ihre Eltern und ich einen Geschäftsbrief an Herrn Sternenberg von Schwelm, der für Profeßors das Tischzeug besorgt. Den Thee tranken Jacobis mit uns; August war Montag von Eisenach und Salzungen zurückgekehrt, wo in einer Generalversammlung der Aktionäre der Thüringen die Auflösung der ganzen Gesellschaft beschloßen ist, weil das Werk mißlungen ist, wodurch Mutter sowohl, als Dein Alter Schaden leiden.

Freitag 27 lasen Sophie und ich uns bei der Arbeit Alpinisches und Transalpinisches von Witte aus Halle vor, Dein Weihnachtsgeschenk, das mir sehr viel Freude macht. Die schönen, frischen, lebendigen Beschreibungen der Gletscher, der Alpenpäße und nun der einzelnen Thäler erinnern mich lebhaft an Deine Alpenreise und besonders an Deine gefährliche St. Gotthardtour, durch die Du Dir vor einem Jahr den Eingang in Italien erkämpftest, und die, wenn auch noch so schön, etwas grausig und gefährlich war. Das war vor einem Jahre der letzte Tag, der uns zusammen vergönnt war und jedes kleinste Detail desselben, bis zur bitteren, schweren Trennung Abends um 11 Uhr tauchte in der Erinnerung auf und stimmte mich traurig und wehmüthig; natürlicher Weise folgte darauf aber eine sehr freudige, dankbare Stimmung, die mir den Gedanken eingab: das Jahr ist vorüber und in zwei Monden werden wir Beide die größte Seligkeit, die ungetrübteste Freude erleben und Frühling und Heimkehr tönt es immer in meiner Seele, wozu das schöne Wetter in Messina Dich gewiß noch mehr verlocken wirdd. Ich rechne jetzt immer nach Ostern, das auf den 9 ten April fällt und zähle schon die Tage || bis dahin; denke aber darum nicht, daß ich unglücklich sein würde, wärst Du nicht zu der gedachten Zeit hier, und daß Du Dich verpflichtet fühltest, danach Deine Rückreise einzurichten. Ich weiß recht gut, daß diese von der Arbeit und dem dazu sich bietenden Stoffe abhängt und möchte Dir durchaus keinen Hemmschuh anlegen. Deine Aenni, die so lange ausgehalten hat, wird noch länger warten lernen, ist ihr doch die Heimkehr, das Wiedersehen des liebsten, besten Menschen gewiß, der ihr nahe ist auch in der weitesten Entfernung, und in deßen Besitz sie sich so reich und glücklich weiß, daß jedes Opfer gering geachtet wird, das das Schicksal und die Umstände für den Geliebten fordert. Also frisch vorwärts in der Arbeit und nicht sich in Zukunftsbildern verlieren, worauf Du Dich nach Deinem letzten Brief auch häufiger ertappst, als Dir lieb und der Arbeit fördernd ist. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, daß es eine gar zu liebe Beschäftigung ist und das Gemüth dem Verstande gegenüber nur zu lebhaft sein Recht geltend macht. Freitag Nachmittag besuchten Mutter und Sophie Deine Eltern, von wo sie mit ihrem Bruder Louis in die Stumme von Portici ging, wohin ich sie gar zu gern begleitet hätte, schon der prachtvollen Decorationen wegen, die mir Neapel, den Vesuv, Portici, Sorrent, Capri etc. gezeigt hätten. Sophie kam ganz entzückt zu Haus, was ich voll begreifen kann von Jemandem, der zum ersten Mal im Opernhaus ist; noch dazu war die Oper sehr gut besetzt, und da können die munteren, ansprechenden Melodien der frischen, lebendigen Oper nicht anders wie entzücken. Ich tröstete mich sehr bald durch den Gedanken, mit Dir zusammen die Oper zu hören und die Landschaften zu sehen, zu denen Du nach eigener Anschauung die besten Ergänzungen geben kannst. Ich las während deßen etwas und hatte dann Besuch von Agnes Sack, später Theodor Bleeck, mit dem ich die Barcarole Duett sang, die ich so oft mit Dir quatre-main gespielt hatte. Letzterem las ich auf Bitten die Beschreibung des Buteragartens vor, die ihn natürlich auch entzückte. ||

Sonnabend 28 lasen wir Beide wieder im Witte und hatten dann einen nur zu langen Besuch von Tante Gertrud, die uns von ihrem Diner erzählte, das sie Tages zuvor der Kortüm, Untzers und Moritz Lüdtke gegeben hatte. Um 1 Uhr brachte ich Sophie zu Untzers, wo sie mit ihrem Bruder zusammen aß; ich machte von dort durch die Bendelerstraße in den Thiergarten meinen täglichen Spaziergang, auf dem mich Bertha Reimer dies Mal begleitete, die mir unterwegs begegnete. Leider war unterdeß Magdalene bei mir gewesen, die Besuch von einer Freundin aus Stettin gehabt hatte, durch die ich Viel von meiner früheren Heimath gehört haben würde, in der ich viel liebe Menschen zurückgelaßen habe, an denen ich noch lebhaftes Intereße nehme. Sophie kam erst gegen 6 Uhr von Untzers zurück und ging Abends mit Mutter und Heinrich zu Wollards in Gesellschaft, während ich nähte und las und verbotener Weise mein reizendes Frühlingslied von Mendelsohn [!] spielte. Um 9 Uhr hatte ich noch Besuch von Deinem Bruder Karl, der gestern Nachmittag wieder nach Freienwalde zurückgekehrt ist, und den ich sonst nicht gesehen habe. Er erzählte mir viel von den prächtigen Kindern und ich ihm viel von Deinem letzten Briefe, der noch nicht in Freienwalde gewesen war. Auch den Sylvestertraum gab ich ihm mit, weil er ihn noch nicht kannte, auf den ich ganz stolz bin und den ich nur ungern aus den Händen gebe.

Sonntag 29 las ich früh mit Sophie eine Predigt; später war Theodor hier, der sich sammt Heinrich und Sophie sehr behaglich in meinem Zimmerchen fühlte, welcher Ansicht zwei andere Leute schon lange gewesen sind? nicht wahr, denen wird das Frühstück im April auch herrlich munden. Um 12 ½ Uhr, während Mutter und Sophie Besuch bei Jacobis machten, ging ich spazieren. Im Thiergarten beim Denkmal des verstorbenen Königs traf ich mit Heinrich zusammen, der bei Deinen Eltern gewesen war, um mir meinen Brief zu holen – aber vergebens – die Sonntagsfreude sollte mir nicht werden. Ich ging mit || Heinrich zusammen nach der Rousseauinsel, wo er Schlittschuh lief und ich um dieselbe herumspazierte, dann und wann einen Blick auf die bunte Menge werfend, mehr aber nach innen blickend und den Gedanken nachhängend, die mich schon Tages zuvor lebhaft beschäftigt hatten. Der 28 war ja der Tag, der Dich mir auf so lange Zeit entführte, und der 29 derjenige, an dem ich mein Wanderleben begann – das ist ein weites Feld für die erregte Seele. – Dank dem Himmel, daß das Jahr vorüber, daß Du so herrliche, bleibende Genüße in demselben gehabt hast und den Zweck der schönen Reise nicht verfehlt hast. Befriedigt durch den glücklichen Erfolg, wirst Du noch mal so gern zu den Eltern, Deiner Aenni, der lieben Heimath heimkehren, an der Du so hängst. Dein Alter hat neulich auch ein Exemplar Deiner Arbeit an Braun gebracht, der sich sehr gefreut und viel von Dir sich hat erzählen laßen. In der Mittagstunde besucht mich der Alte gewöhnlich und bringt mir immer gute Nachrichten von der Alten, worüber ich mich Deinetwegen ganz besonders freue. Ottilie ersetzt meine Stelle; denke Dir seit ein paar Tagen ist Adolph Schubert auch wieder hier, was mir auffallend ist; vermuthlich hat Ottilie ihn hergelockt; wenn er wirklich Absichten auf dieselbe hat, sollte er doch seinen Gefühlen Luft machen. Am Sonntag kehrte ich also mit Heinrich zusammen nach Haus zurück, wo Louis Jacobi und Moritz Lüdtke, unsere Mittagsgäste bereits angekommen waren. Letzterer und Sophie musicirten nach dem Eßen sehr viel; Sophie spielt recht hübsch, doch nach meinem Geschmack mehr fertig als innig. Um 8 Uhr gingen alle zu Helene, || wo sie den Prinzen von Homburg zusammen lasen. Ich machte mir unterdeß ein ganz besonderes Vergnügen, schwelgte in alten Briefen und klebte dann alle einzelnen Blätter, die ich schon länger liegen hatte oder mir von meiner Sommerreise heimgebracht hatte, in mein Album ein, und rief mir manche frohe, manche trübe Erinnerung in’s Gedächtnis zurück. Zum Schluß besah ich wieder Deine Aquarelle und ging in glücklicher Stimmung zu Bett und träumte lebhaft von Dir.

Montag 30 war mir nicht sehr frisch zu Muthe und dennoch kam wieder kein Brief; ich arbeitete, setzte Geduldspiel und bekam doch keine Geduld. Von 12 – 2 Uhr ging ich mit Sophie spazieren und schluckte die herrlichste Frühlingsluft ein. Ich zeigte ihr den Schloßplatz, großen Kurfürsten, Dönhofsplatz etc. wo ich selber lange nicht gewesen war. Zu Haus fanden wir Herrn von Ammon vor, einen Jugendbekannten von Mutter, der unser Mittagbrod bis 3 Uhr hinausschob, trotzdem er wiederholt versicherte, er habe als Kammermitglied sehr viel zu thun und könne gar keine Zeit erübrigen. Nachmittag war Bertha Sethe hier, später Theodor, der uns die Nachricht von dem Tode des alten Arndt brachte, der für Tante Auguste auch ein harter Verlust ist: Er brachte mir einen Brief von Hermann, der ausführlicher darüber schrieb. Sophie und ich lasen Abends im Transalpinischen.

Dienstag 31 war ich wegen häßlicher Kopfschmerzen ziemlich unzurechnungsfähig und hatte Besuch von dem Alten und von Helene. Heute bin ich wieder wohl und sende Dir einen recht warmen Gruß und Kuß. Auch Mutter, Heinrich und Sophie grüßen bestens. Ich habe mit dem Zumachen bis zum äußersten Termin gewartet, doch haben die Alten kein Couvert geschickt, das nun leer mitkommt.

Immer Deine treue Aenni.

a eingef.: nicht; b korr. aus: Dich; c eingef.: hier; d korr. aus: würde

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-02-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44336
ID
44336