Sethe, Anna

Anna Sethe an Charlotte Haeckel, Freienwalde, 26. März 1857, mit Beilage an Ernst Haeckel

Freienwalde 26. 3. 57.

Ganz glücklich und wohlbehalten, liebe Tante Lotte, bin ich Dienstag Nachmittag hier wieder angekommen und fand Alle wohl, bis auf Karlchen, der etwas erkältet ist. Wie Du wohl von Ernst gehört haben wirst, reis’te ich bis Neustadt mit einer bekannten, höchst originellen Dame zusammen, deren interessante Gesprächigkeit mir die Stunde sehr verkürzte; desto länger kam mir die Zeit im Postwagen vor, wo ich mit sehr ungebildeten, höchst langweiligen Menschen zusammenfuhr, so daß ich Ernst doppelt dankbar bin für den Hans Haidekuckuck, den ich zur Hälfte durchgelesen habe. Die beiden Jungens waren bei Griebens, waren aber sehr fidele, mich wieder zu sehen, zumal, als ich || die Herrlichkeiten von Großmama auspackte. Herrmann faßte mich augenblicklich an den Rock: tanzen, tanzen, so daß ich dem Hoppmariännchen nicht entgehen konnte. Karl und Hermine, wie ich selbst, können uns noch gar nicht an den Gedanken gewöhnen, uns bald zu trennen; allein es muß sein, so nett wir auch zusammen lebten; die Kinder werden mir besonders sehr fehlen. Ich fand Briefe aus Stettin und Posen für mich vor; Vater macht keine Rück- aber auch keine Fortschritte, jedoch sind die Ärzte zufrieden, die den Zustand jetzt entschieden für Nervenleiden halten und da muß man, glaube ich Geduld mit haben. Heinrich hat sich so gut in || Steinspring gefallen, daß er erst Mittwoch zurückgekommen ist. Helene, die augenblicklich Strohwittwe ist, da August Schwurgericht in Lissa abhält, ist wohl sowie die Kinder, über deren Entwicklung sie sich täglich mehr freut. Sehr gefreut habe ich mich über die Nachricht vom Doctor aus Ziegenrück, der nun wirklich endlich nach Trebnitz bei Breslau versetzt ist, woran Ihr gewiß auch Theil nehmt. Heute fängt die Räumerei zum Sonntag an, auf den wir uns alle sehr freuen. Hermann und Karl wünschen aber mit mir, daß Ihr bis zum Dienstag bleibt, um Hedwig und mich gleich mitzunehmen. Onkel Haeckel und Ernst herzliche Grüße sowie Tante Bertha und Hedwig. Ersterer werde ich gleich schreiben, || sobald die Erlaubniß aus Stettin da ist; vielleicht wäscht Ottilie in der Aussicht darauf den Mullrock von mir mit, der in Hedwigs Schrank hängt.

Nun noch allerlei Bestellungen; zunächst bittet Hermine umgehend 2 Metzen Teltower Rübchen zu schicken, da hier nichts zu haben ist; wenn es die nicht gibt, möchtet Ihr zwei Büchsen irgend welches Gemüse mitbringen, in welchem Falle Ihr aber wohl antwortet; Karl lässt um Moselwein zur Bowle bitten, und fragen, ob die grünen Gartenbänke nicht bald kämen. Nach Taufgeldern, die außer der Wiege übrigens auch in das Taufbecken für Prediger und Küster gelegt werden, werde ich mich erkundigen. Ade, herzliche Grüße Allen und euch besonders noch Dank für alle Freundlichkeiten und Vergnügen

von Deiner dankbaren Nichte Anna. ||

[Beilage an Ernst Haeckel]

Meine Vergeßlichkeit hat ihren Höhepunkt erreicht, lieber Ernst, weshalb ich Dich wieder plagen muß. In dem Paquetchen an Hermine habe ich meine Probeperlen, wonach ich ihre gekauft habe, ein Bündchen, das kürzer, als ihre sind, liegen laßen, die ich Dich bitte herauszunehmen; ich werde sie mir dann gelegentlich abholen. Ich werde heute nicht die weiße Dame hören, hoffe aber recht bald in der quatre-main-Ouvertüre Ersatz zu finden.

Deine vergeßliche Cousine Anna ||

Herrn Doctor E. Haeckel (nicht von seiner Mutter zu eröffnen).

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
26-03-1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 44276
ID
44276