Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Teplitz, 12. Juli 1861, mit Nachschrift Charlotte Haeckels

Teplitz 12 Juli 61.

Mein lieber Ernst!

Wir sind nun acht Tage hier und ich kann dir über das Befinden unsrer Mutter nähere Nachricht geben. 10 Tage vor unserer Abreise hatte sich bei Mutter der Krampf wieder eingefunden nachdem der Kopfausschlag beseitigt war. Bald nach dem Krampf stellte sich großer Rükenschmerz ein. Mutter musste einige Mahl schröpfen welches ihn jedoch nicht wesentlich minderte. Karl war auch zu Mutters Geburtstag gekommen. Am 4ten Juli reisten wir ab. In der Droschke von unserm Hausea bis zum Bahnhof hatte Mutter große Rükenschmerzen, sie konnte es kaum aushalten. Auf dem Wege von Berlin bis hieher im Waggon ging es besser, es ging wenigstens erträglich. Kratzman empfahl der Mutter kalte Umschläge. Diese vielleicht vereint mit dem Baden (Mutter hat bereits 7 Bäder genommen) haben vortrefflich gewirkt. Die Schmerzen haben sehr nachgelassen, aber die Mutter fühlt sich von den Bädern sehr angegriffen. Sie hat gestern Nachmittag einige Visiten gemacht. Das Wetter ist warm, häufig Gewitter und Regen. Wir haben die Vorderstube unseres alten Quartiers (in der Stadt Görlitz) bezogen, Mittwochb erhalten wir das Hinterzimmer dazu. Am 2 Juli fing ein neues Mädchen (aus Freienwalde), das uns Caroline vorgschlagen hatte, bei uns an. Wir haben sie bei uns und sind bis jetzt zufrieden. Sie ist wenigstens noch ganz unverdorben und willig, hat auch den nöthigen Verstand. Was für ein Leiden ein dummes Mädchen ist, haben wir im letzten Winter erfahren. Ebenso wißen wir: was eine ganz durchtriebene, mit allen Hunden gehetzte, in der Verstellung geübte, mit allen Schlichen vertraute Berliner Köchin ist. Die Dienstbotennoth haben wir aufs vielseitigste kennen gelernt. Hier in Teplitz leben wir sehr still und einfach. Die Coquerill mit ihrer Gesellschafterin ist seit einigen Tagen hier, auch die Ritterschaftsräthin Timm geb. Karbe. Sie besuchen Mutter fast täglich. Seit einigen Tagen eße ich an der Table d‘hôtes mit einigen Bekannten zusammen, mitc den eben genannten Damen und habe gestern die Bekanntschaft des Oberpostdirektor Balde aus Potsdam gemacht; eine Bekanntschaft, die mich sehr intereßirt. Er ist der Neffe meiner verstorbenen Freundin Kalisky, seine verstorbene Mutter war ihre Schwester, 1 Jahr älter als ich, der Kalisky mit mir gleich alt. Beide Schwestern waren meine Jugendbekannte, aus d meiner e Zeit als Gymnasiast, sie kamen öfters auf die Bleiche. Ich kannte ihre Brüder, f mit denen ich umging und die einen eigenen Lehrer hatten und auch ihre Eltern, den Kaufmann Friedrich Thomann und Frau. Der Vater des jetzigen g eben erwähnten Oberpostdirektors war Syndikus in Schmiedeberg, ein sehr guter Posten mit 1500rl. Einkünften, was damals so viel war, als jetzt 2500 rl. Er hielt sich Equipage und kam alle Sonntag nach Hirschberg an die Heirath zu der schönen Caroline Thomann, das schönste Mädchen in Hirschberg. Ich konnte also dem OberPostDirektor Balde gestern aus der Bräutigamszeit seines Vaters und besonders von seinem Großvater Friedrich Thomann erzählen, der als ich auf dem Gymnasio war, in der Hirschberger Gesellschaft den Ton angab. Der p Balde hat ihn nicht mehr gekannt, denn er starb im Jahr 1800, als ich in Halle war. Diese Rükerinnerung an die Vergangenheit und da ich mich für den p. Thormann immer sehr intereßirt, hat mir großes Vergnügen gewährt. Ich konnte dem Balde eine Welt aufschließen, die er nicht mehr gekannt hat und ich fand mich während der Erzählung ganz zu Hause in meiner frühesten Jugend. Der p. Balde soll ein ganz tüchtiger Postbeamter und gewandter Mann sein. Er hat den Reisepostmeister für die verstorbene rußische Kaiserin auf ihren Reisen nach Italien und Deutschland gemacht, den sie sich ausdrüklich ausgebeten hat. Ich frug ihn gestern: wie er mit den Italienern fertig geworden sei? Er sagte: das Geld ebene alle Schwierigkeiten und mache die Menschen geschmeidig. – Auch sonst habe ich noch einige Bekannte gefunden: den Hofrath Bolzenthal, Vorsteher des Münzkabinets, und den General Brand. Der Prediger Sydow wird in diesen Tagen erwartet. Das Wetter ist zwar abwechselnd, aber doch schön, ohne drükend zu sein. Ich habe mir Bücher mitgebracht: Die Pflanzung der christlichen Kirche durch die Apostel von Neander, Momsens römische Geschichte und eine Reisebeschreibung über Nord-Ost-Afrika von Brehm, herausgekommen in Jena bei Mauke. Sie ist sehr gut geschrieben und sehr intereßant. Er ist Naturforscher, besonders Zoolog und hat sich besonders im Sudan, Nubien und Kordofan sehr viel mit der dortigen Fauna beschäftigt. Ich denke immer, wenn ich ihn lese, sehr viel an Dich. Mutter lese ich täglich h daraus und aus dem Neander vor. Römische Geschichte lese ich für mich. Früh um 7 Uhr und gegen || Abend gehe ich meist allein in der schönen Gegend spatzieren. Nach Tisch gehe ich in den Kaffeesalon, wo ich Zeitungen lese und gewöhnlich Bekannte finde. Auch der Geheim Rath Meinike, ehemaliger Direktor des Joachimsthal’s ist hier. Mit ihm und Bolzenthal hatte ich vorgestern ein intereßantes Gespräch. Bolzenthal hat sehr ausgebreitete Bekanntschaften und weis viel von den intereßanten Münzen der Vergangenheit zu erzählen, ich auch, da kann einer andern ergänzen. Auch Meinike ist kein finstrer Philolog und hat ganz frische Ansichten. In den letzten Wochen hat unser Ministerium noch allerlei Kämpfe gehabt und sich endlich einmal zusammengenommen. Die Frage hat: Entweder- Oder- gestanden. Der König von den Militärjunkers bestimmt hat endlich den Ministern wegen der Huldigung nachgegeben. Sie sollen sich auch wegen künftiger Reformen noch Bedingungen gemacht haben. Nun wollen wir sehen, was der künftige Winter bringen wird? Ich suche mich fortdauernd in meiner historischen Ruhe zu erhalten, in welcher man einen langsameren Fortschritt der Zeit erwartet. Sonst fühle ich mich körperlich hier schlechter wie in Berlin, sehr abgespannt und von Congestionen nach dem Kopf etwas incommodirt. Vielleicht ist auch das warme Wetter schuld.

Schreibe uns bald einmal. Ich will jetzt schließen, damit Mutter noch etwas schreiben kann. Dein Alter Hkl

[Nachschrift Charlotte Haeckels]

Mein lieber Herzens Ernst! Schon sind wir 8 Tage hier und haben noch von keinem der Kinder etwas gehört. Hoffentlich geht es allen gut. Wenn Du Karoline bei ihrer Durchreise gesehen hast, so wirst du gehört haben, daß ich wieder krank war, nun fängt es an besser zu gehn. Hoffentlich geht es bei Dir fortwährend gut, und Du sagst uns bald was über Dein Thun und Treiben. Mich verlangt sehr nach Nachricht von Euch allen; die Freienwalder werden wohl heute nach Häringsdorf abgereist sein, wenigstens waren sie das willens. – Sonntag wird Tante Gertrude herkommen, die auch das Bad gebrauchen soll. –

a gestr.: Bahnhof; eingef.: Hause; b gestr.: übermorgen; eingef.: Mittwoch; c eingef.: mit; d gestr.: der; e gestr.: Ju; f gestr.: die; g gestr.: Ober; h gestr.: aus

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
12-07-1861
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44199
ID
44199