Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Bertha Sethe , Karl, Hermine und Ernst Haeckel, Bad Eilsen , 31. Juli 1. August 1856

Eilsen 31 Juli 56

Liebe Bertha und liebe Kinder!

Heute sind wir nun 5 Wochen hier und denken übermorgen abzureisen. Die ersten 14 Tage waren schwere Wochen, Mutter krank, das Wetter abscheulich kalta und regnerisch, dann wurde es milder, obzwar noch immer trübe und regnerisch, seit 8–10b Tagen haben wir beßeres Wetter, wenn auch mit lauter Gewitter. Wir haben mehrere Spatzierfahrten gemacht, einmal nach der Paschenburg, 2 Mahl in die Nähe von Rinteln, gestern nach Hausberge, wo ich mir den Durchbruch der Weser durch die Berge ansah, ohne sie jedoch zu besteigen. Wir besuchten noch Ulrike Wittig und tranken bei ihr Kaffee, um 7 Uhr mußte Mutter wieder zu Hause sein, um sich nicht der Abendluft zu exponiren. Heute ist es der 21ste Tag, daß das Fieber weggeblieben, Mutter nimmt deshalb noch einmal Chinin und wir hoffen daß es nicht wieder kommen wird. Die Felder stehen hier im schönsten Flor und die Erndte wird in diesen Tagen beginnen. Viele Badegäste gehen in diesen Tagen weg. Mutter hat des Fiebers wegen wenig Bekanntschaften gemacht, denn noch jetzt ist sie sehr genirt, muß sich sehr in Acht nehmen und hat außer diesem Morgen wenig im Freien geseßen. Mich hat das Bad in den letzten Tagen gewaltig herangekriegt, ich war ganz herunter. Die Rheumatischen Beschwerden waren alle in Aufruhr. Das mag gut sein, morgen nehme ich mein 21stes Bad, Mutter ihr 30stes. Außer Hℓ. v. Gälich, der mir sehr wohl gefällt, habe ich es zu keinem rechten Herrenumgang gebracht, doch habe ich gesprächsweise allerlei Notizen eingezogen. Die Menschen leben in den kleinen deutschen Staaten viel gemüthlicher, sie sind weniger durch Partheien incommodirt, das Partheiwesen ist nicht so leidenschaftlich, weil es sich um viel weniger handelt, als bei uns, wo große Gruppen einander gegenüberstehen und unsere großen Hauptstädte diese Gruppen concentriren. Bei uns ist das Leben viel gespannter, alle Kräfte werden zusammengenommen, um ein großes Militärwesen zu unterhalten, die Steuern sind schon im Frieden beinah aufs höchste gespannt, sie sind in den kleinen Staaten viel niedriger, die Beamten sind beßer gestellt, die Menschen leben mehr der Familie, dem Gewerbeberuf und allenfalls der Wißenschaft. c In Norddeutschland ist ein sehr zahlreicher Bauernstand, der Wohlstand der Bauern theils durch den Absatz ihrer Produkte nach England, theils (wie in Hannover) durch die Ablösung der Feudallasten, durch die Separationen und die damit verbundene Landeskultur sehrd im Wachsen. Das leidenschaftliche PartheiWesen fehlt hier und die großartigen Intereßen, die ein Staat wie der Preußische nach Innen und nach Außen bietet. Gestern bei Ulrike Wittig wurden wir ganz nach Amerika versetzt. Eine ihrer Töchter ist an den Obersten der Artill erie v. Riedel in Magdeburg verheirathet, eine 2te an einen Arzt, der nach St. Louis in Nordamerika gegangen und dort sehr gute Geschäfte macht, ihr Sohn hat eines sittlichene Fehltritts wegen ebenfalls dorthin gehen müßen. Von den v. Röderschen sind schon mehrere dort. Die alte Wittig will in 2 Jahren ihre Kinder in Nordamerika besuchen. Das ist ein Verkehr hinüber und herüber, als müßte es so sein. Ein deutscher Apotheker, der 20 Jahre in Java gewesen und sich dort Vermögen erworben, hat den größten Theil ihres Hauses und Gartens gemiethet, er will noch einmal hin, um seinen Sohn später dort zu etabliren. Also lauter Etablissements in fremden Ländern, um dort Geld zu verdienen und mit vollem Beutel wieder zu kehren! Europa bleibt der eigentliche Hausherd für viele, die über See gehen und dort einige Jahre verweilen, weil zum schnellen Gelderwerb in Europa weniger Gelegenheit ist. Je weiter man westlich kommt, desto stärker geht der Zug übers Meer. Wo die Familie sehr zahlreich ist und wenig Aussicht zu einem auskömmlichen Fortkommen, da ist das Auswandern naturgemäß und vernünftig, ja es soll so sein, damit die übrige noch disponible Erde bevölkert und mit Kultur und Civilisation versehen werde. So ging es schon mit den griechischen und römischen Kolonien. ||

In den letzten 8 Tagen haben wir das Buch von Schwarz, Mutter den Bunsen (Zeichen der Zeit) gelesen und den 3ten Band von Perthes beendigt. Perthes ist ein edler, frommer Mensch, aber seinen Ansichten kann ich nicht überall beitreten. Er giebt eine Auffaßung des Christenthums, die unsern ganzen irdischen Unternehmungsgeist lähmt und uns zu rükwärts schreitenden Träumern macht. Das irdische Leben macht auch seine gerechten Forderungen an uns, wir sollen es (im höhern Sinn) „genießen “ ist nicht der rechte Ausdruck. Wir sollen unsre uns von Gott für dieses Erdenleben gegebnen Kräfte entfalten, immer unter Direktion des Göttlichen in uns und in der Furcht Gottes leben.g genießen , d.h. die irdischen Kräfte entfaltenh , mit Lust dafür wirken, die Erde bebauen, Handel und Wandel treiben, den Staat politisch ausbilden! Wer jeden politischen Fortschritt, der sich in der Regel nur durch politische Kämpfe erzwingen läßt, für eine Anmaßung erklärt und jedes alte Regiment, sei es noch [so ] elend, souteniren will, um nicht ins revolutionäre Gebiet hineinzugerathen, der arbeitet den größten Egoisten in die Hände, die das Volk nur als melkende Kuh behandeln, um sich eine freilich angenehme Existenz zu verschaffen. Von diesem System will ich nichts wißen und Perthes stekt sehr stark darin. Auch ist immer nur von dem zersetzenden Geist der Zeit der Rede, den man bekämpfen müße. Die Lügen, Heuchelei und Herrschsucht, die jetzt in großen Maßen ihr Wesen treiben, sind dies keine Teufels in der Welt? Wohl hatte der Verstand i seine Grenzen überschritten und wollte auch das Innerste, Heiligste im Menschen beherrschen, er wollte der Herr sein, wo er nur Diener sein kann! Wenn aber die j Menschheit k die Kinderschuhe ausgezogen hat und ins Mannesalter tritt, das Bewußtsein klarer geworden ist, dann reicht mittelalterliche Phantasterei l und alte Orthodoxie nicht mehr aus. Das Christenthum tritt in ein neues Stadium, nimmt eine andre Gestalt und Gewand an, wenn der Kern deßelben auch in aller Ewigkeit derselbe ist und es nur darauf ankommt, diesen richtig im Innersten zu erkennen, festzuhalten und zu entwikeln. Das Buch von Schwarz ist sehr intereßant, es führt dieses Streben der Theologie in der neuern m Zeit mit allen Verirrungen nach rechts und links historisch vor mit sehr treffenden Charakterschilderungen zum Beispiel von Neander und Hengstenberg und schließt endlich mit den katholisirenden Karikaturen der neusten Zeit. Vom höchsten Standpunkt in der Weltgeschichte aus betrachtet darf uns dieses alles nicht irre führen, der Kampf des Lichts und der Finsterniß, des Guten und Bösen hört in dieser Erdenwelt nicht auf und gehört zu ihrem Leben und auf unsichtbaren Wegen führt Gott die Welt auf dieser Erde immer weiter. Die Rohheit und Barbarei nimmt immer mehr ab, die Sitten werden immer menschlicher, wie man selbst in einem kleinen Badeort wie Eilsen sehen kann, die rohe Gewalt der Regierenden wird immer unmöglicher gemacht, nicht blos durch äußere Verfaßungen, sondern auch durch die ganze fortschreitende Kultur und die Träumereien, die sich jetzt praktisch geltend machen wollen, werden zu ihrer Zeit, wie Seifenblasen zerstieben. ̶

Die schöne Gegend von Eilsen hat uns sehr angesprochen und auch das Bad ist kräftig und vortrefflich, es ist nur im östlichen Deutschland zu wenig bekannt, sehr bekannt dagegen im nordwestlichen Deutschland, von woher es sehr besucht wird. Wäre Mutter ganz gesund gewesen, dann würden wir es noch viel mehr genoßen haben. Mutters größter Genuß ist Spatzierenfahren in der schönen Gegend. Ich will dagegen auch herumstreifen zu Fuß, was mir aber in den letzten Tagen durch das Abwarten des Bades etwas erschwert worden ist. Die Felder schlängeln sich an den Abhängen der Berge ungemein schön in die Buchenwälder hinein, in denen auch viele Eichen sind. Nadelholz ist hier selten. Gestern fuhren wir durch Bükeburg, welches ein recht freundliches Städtchen ist. Minden blieb nur etwa ½ Stunde von der Seite liegen.

Den 1. August früh

Gestern Nachmittag sind wir noch ein Paar Stunden spatzieren gefahren, weil das Wetter sehr schön war. Wir haben es in den letzten zehn Tagen noch recht genoßen und im Ganzen wohl 14 schöne Tage gehabt. Jetzt scheint das schöne Wetter Bestand nehmen zu wollen. Abends lasen wir den 3ten Theil von Perthes noch zu Ende, seine letzten Lebensjahre im Kreise seiner Familie seine Krankheitsmonathe und sein Sterben. Da haben wir recht an unsern Papa gedacht, der auch mit der größten Ruhe und Zuversicht dem Tode entgegengieng. Perthes hat als orthodoxer gelebt und ist als orthodoxer gestorben. Ich erkenne an seinen Äußerungen während seiner Krankheit ganz meine Mutter wieder, die auch ganz orthodox war und in Merseburg in den letzten Wochen zu uns sagte: „wir hätten ein andres Christenthum als das ihrige“, womit sie unsre rationellere Auffaßung meinte. Ich kann unmöglich glauben, daß diese orthodoxe Auffaßung die einzig richtige sei, ja ich halte sie nur für einen Durchgangspunkt. Die Schwarzsche Schrift, in der uns eine gantze Reihe religiöser Anschauungen, wie sie in den theologischen Streitigkeiten zur Sprache gekommen, vorgeführt werden, kommt immer auf das neue kritische Studium, das seit Schleiermacher begonnen zurück. Da ist ein neuer Weltabschnitt des Christenthums, da lebt es wieder auf, aber in anderer Weise! Christus wird nicht mehr so rein bildlich und mythologisch aufgefaßt, aber doch, wie ich glaube, aufs innigste. Christus hat das Verhältniß zu Gott aufs tiefste, innigste umfaßt, er ist vorzugsweise „der Religiöse“ in der Welt, durch und durch Religion, durch ihn sind wir erst in ihr Innerstes eingedrungen. Dieses Gefühl, diese Ueberzeugung war nur abhanden gekommen und sie ist uns in der Neuzeit wieder aufs neue, aber nicht mehr so bildlich , klar geworden. Das unterscheidet uns von der ältern Zeit. Wer das alte Bild || bedarf, der mag es behalten. Papa war in die Zeit der Aufklärung gefallen. 40 Jahr jünger n in diesem neuen Stadio, würde ihm das Christenthum auch im Bewußtsein noch viel klarer geworden sein. Innerlich und praktisch war es in ihm vollständig vorhanden. –

Die Schwarzsche Schrift ist sehr anregend und ich lese fortdauernd darüber, auch mit Mutter, obzwar auch philosophische Parthien darin sind, die eigentlich nicht alle Frauen ansprechen können. Der Schwarz wird mich wohl auf der ganzen Reise begleiten, auch Bunsen und in Bonn werde ich wohl viel mit Bleek’s darüber sprechen. –

Den beiliegenden Brief von Weiß, liebe Bertha kannst [Du ] bald hinschiken, mit der Dir zurükgelaßenen Praesionsquittung, die er nun, da ich den 1 August erlebt habe, attestiren kann. Hast Du sie attestirt zurük, so schike sie, gegen den 7 August (nicht früher) an die Pensionskaße Niederwallstraße links hinter der Stadtvogtei der 1ste Thorweg im Hofe Parterre man geht eine kleine Treppe hinauf. Von dem Gelde berichtigst Du etwa den 13ten oder 14ten – 150 rℓ. an Bleichröder als fällige Rata für die neuen Bergwerksaktien, gegen Vorzeigung der neuesten Zahlungsaufforderung oder dero alten Quittung. Carl erhält dann die Quittung über die jetzige Zahlung, die jetzt immer schon in Dortmund ausgefertigt wird, so daß wir keiner Interimsquittung mehr bedürfen. Für Bleek wirst Du wohl auch Zahlung zu leisten haben, damit nun für heute genug. Den nächsten Brief so Gott will, aus Aurich. Mutter grüßt aufs herzlichste.

Euer Alter Haeckel

a gestr.: kaltet; durch Unterpunkten wieder eingef.: kalt: b eingef.: –10; c gestr.: Hier; d eingef.: sehr; e eingef.: sittlichen; f eingef.: Sohn; g am linken Rand eingef.: „genießen“ ist nicht … Furcht Gottes leben; h eingef.: d.h. die irdischen Kräfte entfalten; i gestr.: die; j gestr.: Kultur die; k gestr.: aus; l gestr.: nicht; m gestr.: in die;n gestr.: würde; o gestr.: (ohne; eingef.: oder der

 

Briefdaten

Datierung
01-08-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 44136
ID
44136