Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Bertha Sethe sowie Karl, Hermine und Ernst Haeckel, Bad Eilsen , 30. Juni 3. Juli 1856 , mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Montag Eilsen 30 Juni 56.

Liebe Bertha, liebe Kinder!

Wir sind nun schon den 5ten Tag hier und Lotte hat schon 4 Bäder genommen, ich heute mein erstes und mit großem Behagen bin ich aus dem Bade gestiegen. Die Wirkung der Bäder wird von allen gerühmt. Vorige Woche hatten wir einige schöne, sehr warme Tage, am Sonnabend war ein starkes Gewitter, seitdem ist es wieder kalt geworden. Wir wohnen noch in unserm Interimsquartier sehr zufrieden. Fast blieben wir lieber, aber das künftige Quartier liegt bequemer und näher am Bade. Man sieht hier viele Hinkende die sich allmählich erholen. Vorgesterna und gesternb war Lotte sehr herunter, sie hatte in der Nacht Kopfweh gehabt und nichtc viel geschlafen. Heute geht es beßer. Wir lesen viel, gehen täglich mehrere Mahl spatzieren, sehen und sprechen früh auf der Promenade und Mittags Menschen, treiben uns aber nicht, wie man zu sagen pflegt, in Gesellschaft umher. Die gebildete Klaße speist entweder zu Hause oder im Salon; wir eßen Mittags in der Regel in unserm künftigen Quartier, wo wir bald vertraglich eintreten, und dort auch plaudern können. Wer hierher kommt, sucht hier die Wiederherstellung seiner Gesundheit, während ein Theil der Besucher Nenndorfs das Spiel hinzieht. Nach allen Erkundigungen ist Eilsen wohl eben so gut als Nenndorf, die Moorbäder hier wahrscheinlich noch beßer. Wir werden wohl bis zum 27 Juli hierbleiben, wenn alles geht wie’s gehen soll. Das Thal mit seinen Bergen ist ungemein fruchtbar und schön, die Berge meist mit schönen Buchenwäldern bewachsen. Gestern Abend machte ich noch allein eine Tour durch die Bauernhöfe, die zerstreut im Gehölz mitten in ihren Feldern und Wiesen liegen, die durch Buchenhecken in Schläge getheilt sind. Man fühlt durchaus, daß man in Norddeutschland ist, auch die Besucher des Bades sind meist aus Braunschweig, Hannover, und den Gegenden von Hamburg, Bremen und Holstein. Der Dialekt der Fremden ist norddeutsch und auch ihre ganze Wohlhäbigkeit, die besonders aus dem Bauernstande und den Bewohnern der Seestädte hervortritt. Nicht weit von hier sollen schöne Weserparthien sein. Wir müßen erst beßeres Wetter abwarten, um sie zu besuchen.

Wir haben in diesen Tagen viel im Perthes gelesen. Er beschreibt die Zustände in Deutschland zur Zeit der Juli Revolution in den Jahren 1830/31. Wenn erst der Spektakel losgegangen ist, dann werden die frommen Leute sehr liberal. Die Revolution überrascht sie wie ein Gewitter und sie geben nun möglichst nach, um es zu beschwichtigen. Solcher Naturnothwendigkeit, deren Kraft unwiderstehlich ist, wißen sie nichts entgegen zu setzen. Während uns Nüchternen die Sache gar nicht unerwartet kommt und wir sie ganz in der Ordnung finden, tritt d Jenen eine unbekannte Macht entgegen, die sie sich gar nicht zu erklären wißen, höchstens als Resultat der bestehenden Verderbniß. So hatte auch Niebuhr kurz vor seinem Tode den Kopf verloren, sein Freund Perthes aber verzweifelte nicht und meinte: Deutschland könne noch wieder gesund werden. In gewißen Dingen müße man nun ein für alle Mahl nachgeben, Freiheit der Person, ständische Repräsentation, alles in gemäßigter Weise. Dadurch werde die Welt noch nicht untergehn, wenn nur in Deutschland der unverwüstliche religiöse Fond bleibe. Auch über die Bestimmung Preußens sahn er und seine Freunde, bei aller Anhänglichkeit an Oesterreich sehr richtig, Preußen sei zur deutschen Hegemonie bestimmt. Mit den alten Kleinstaaten gehe es nicht mehr. Das sagt Perthes 1830. Nun hat das Jahr 1848 noch viel bestimmter gemahnt, aber alles hat nichts geholfen und die Regierung Preußens hat ihren Beruf noch nicht begriffen, ja es ist noch viel toller geworden in den Regierungshöhen. Da wird endlich noch ein drittes Donnerwetter kommen und helfen müßen. Das wird wohl in den 60ger Jahren eintreten. Vielleicht spüre ich dann etwas davon im Himmel. –

Abends liest Lotte aus der Friederike Bremer vor. Ihr wird als bekannter Schriftstellerin in Amerika sehr der Hof gemacht, auch spricht sie viele || interessante Leute unter andern Chaning, was sie recht hübsch erzählt. Von den übrigen Zuständen Amerika’s haben wir bis jetzt noch nichts erfahren. Auch das Taschenbuch über die Reformation hatte Lotte mit und liest darin, wenn ich Montesquieu lese.

Dienstag den 3. Juli. Seit einigen Tagen ist allerlei paßirt. Das Unwohlsein Lottense , von welchem ich oben schrieb ist kaltes Fieber gewesen. Gestern hat es sich wiederholt. Sie fing beim Eßen an zu frieren, bekam blaue Lippen, die Hände ganz kalt, klapperte und zitterte am ganzen Körper, dann kam gegen Abend die Hitze und Kopfweh und alle Anzeichen ließen keinen Zweifel über das kalte Fieber. Am Montag hat uns Möller verfehlt, und war 2 Tage abwesend (in Minden, wohin er ab und zu geht). Jetzt ist er wieder hier und wir erwarten ihn jeden Augenblik. Den Anfall am Montag hielten wir nicht für Fieber, es war auchf Frost und etwas Hitze und Kopfweh. Das hat Lotte auch schon ing früheren Zeitenh gehabt, und es war nur damalsi Krampf. Am Sonnabend zeigten sich auch schon ähnliche Erscheinungen. Lotte hat also wahrscheinlich schon 3 Fieberanfälle gehabt. Wir wollen nun sehn, was der Doktor sagen wird. Am Dienstag (1. Juli) war der gute Tag, meist schlechtes Wetter, wie jetzt alle Tage. Wir haben ihn ganz still verlebt. Dein Brief, liebe Bertha, kam an, sonst nichts. Gestern dagegen in der Fieberhitze kamen Briefe aus Freyenwalde und Würzburg. Lotte hat sie erst heute ordentlich lesen können, gestern war der Fiebertag. – Nachmittag . Vor Tisch wurde ich durch den Besuch des D. v. Möller unterbrochen, der nun über Lottens Zustände vollständige und sorgfältige Information einzog. Er genießt hier viel Vertrauen. Das Fieber kommt nach seiner Ansicht nicht so ganz ungelegen, vielleicht ist im Körper noch etwas zurükgewesen, was auf diese Art heraus will. Die Kur wird nun dadurch etwas unterbrochen werden und wir werden nun ein wenig länger hierbleiben müßenj . Hätten wir nur erst wider beßeres Wetter. Seit Sonntag häufiger Regen und Kälte und fast immer bedekten Himmel, ohne Schirm kann man gar nicht ausgehn. Statt Sommer Herbst wetter, statt Gesundheit zum Baden Fieber, dies ist alles verkehrt. Ich pflege so gut ich es vermag, besorge die nöthigen Gänge, halte darauf, daß sich Lotte gehörig warm hält. Ohne Winterkleider wäre hier gar nicht durchzukommen, glücklicher Weise sind wir damit versehen. Nun zu Euren Briefen. Zuförderst zu Deinem, liebe Bertha! Beim Abfahren in Berlin hat Lotte fleißig das Schnupftuch zum Fenster herausgeschwenkt. Der Dampf wird es wohl überdekt haben. Dank ferner für die überschikten Sachen. Daß es mit Adolph Schubert sichtbar beßer wird, freut mich ungemein. Auch die Berathungen der Westphalia intereßiren mich sehr. Sonst lebst Du ja in Deinem Familien- und Bekannten Kreise in gewohnter Art fort. Lotte hatte zum Geburtstag doch Eine Freude, Deinen Brief. Erst gestern während dem Fieber kamen die Freyenwalder und Würzburger Briefe aus Nenndorf. Die hiesige Postbehörde hatte dorthin Nachricht gegeben, daß wir hier wären und so kam gestern gegen Abend alles richtig aus Nenndorf. Genießen konnte Lotte die Briefe erst heute. Ich wurde gestern sehr unruhig, als mir die Augen aufgingen, daß Lotte das Fieber habe und dachte schon an die Rückkehr nach Berlin. Die findet Möller aber gar nicht nöthig, Lotte wird einige Zeit die Bäder aussetzen und dann hoffentlich die Sache wieder ins rechte Gleis kommen. Möllers ganzes Wesen hat etwas Zutrauen Erwekendes. Die Briefe der Kinder haben uns viel Freude gemacht, die phantastischen Bilder von Carl, Hermine und dem kleinen Karl ebenfalls. Sie werden in Berlin an der Wand aufgehangen werden. Es ist doch etwas sehr Schönes, wenn man die lieben Seinigen so lebendig vor sich hat. Die Eisenbahnen machen einerseits die Lebensmittel theurer, da man alles versenden kann, halten aber auch die Concurrenz in Grenzen, so daß man vor äußerster Theuerung sicher ist. Auch in hiesiger Gegend erzeugt jedes Gewitter Spekulationen. Da die Aussichten zur Erndte fast überall sehr gut sind, so wird jeder Regentag benutzt, um die Preise wieder etwas hinaufzutreiben. – Morgen wollen wir das neue Quartier beziehen, ein sehr hübsches Wohn- und noch ein kleines Schlafzimmer, ein sehr hübscher Sitzplatz vor dem Hause mit schönen Bäumen. Es fehlt nur gutes Wetter. Soviel als möglich will ich Lotten täglich etwas herum führen. Zunächst um das Dorf herum schöne Aeker und Wiesen, aber bald muß man steigen und hinter den üppigen Feldern folgen rund herum die Berge || mit den schön bewachsenen Buchenwäldern, in die man gern hineinkriechen möchte. Es ist noch alter germanischer Wald, nicht Kiefern und wenig Fichten, sondern vorzugsweise Buchen und Birken, aus denen die Ziegeldächer der Bauernhäuser heraus sehen.

Ernst ist sehr thätig in Würzburg. Mitte August wird Virchow verreisen und dann muß Ernst selbständig das Amt versehen, was ihm sehr heilsam sein wird. Er hat aber gewaltiges Heimweh nach dem Wormser Joch und den Oetzthaler Fernern. Sein Körper sprudelt vor Kraft und sehnt sich nach Bewegung. Die wird er vorläufig künftigen Winter auf dem Berliner Pflaster haben. Die Redaktion der Wiener Blätter hat ihm kürzlich für seinen Aufsatz, weshalb er in den Oesterreichischen Blättern so mitgenommen worden, 20 rl Honorar geschickt, Schmerzengeld, wie’s Virchow nennt. Mit diesen und einem Theil seines Gehalts als Assistent soll nun ein kleines Mikroskop in Berlin gekauft werden, ihm, wie er meint, ganz unentbehrlich. Auf einem Fackelzug bei der Anwesenheit des Königs von Bayern hat er mitgemacht, wo er ganz schwarz angestrichen wie der wahrhaftige Teufel ausgesehen hat. –

An den Teufel glaube ich auch, ich brauche ihn gar nicht außer mir zu suchen. Ich finde ihn täglich in mir. Deshalb kann man doch nicht das ganze Erdenk Leben als Teufelei ansehen, wie die Frommen wollen. Ohne krankhafte Zustände geht es doch auch bei Perthes nicht ab. Ich nehme nun einmal diese Welt wie sie ist, sonst hätte sie Gott nicht gemacht. Aber das ganze Erdenleben für nichts als einen Sündenpfuhl anzusehen, das schmekt mir nicht. Ich sehe mir ein schönes Mädchen mit edler Gestalt, aus deren Augen Geist und Seele blitzt, mit Vergnügen an und denke mir dabei: es ist in dieser Welt ist doch viel Schönes, eben so wenn ich die Herrlichkeit der Natur betrachte. Aber das soll wieder nach der Ansicht der Frommen zum Pantheismus führen! Wir sollen also wohl meinen, daß Gott die Schönheit auf Erden vergeblichl gemacht. O ihr verkehrtes Volk! Dagegen lobt Perthes den Droste Vischering, wegen seiner Christlichkeit und meint: er hätte es nur etwas zu weit getrieben. Ihr müßt doch das Buch lesen, um zu sehen, zu welchen Eken und Auswüchsen auch eine edle Natur m (wie die Perthessche ohne Zweifel ist) führen kann, wenn man das Christenthum zu schwach und einseitig auffaßt. Diese Krisis muß nun einmal durchgemacht werden, bevor sich der wahre Kern herausstellt. Alles, was unnatürlich und widernatürlich ist, hält auf die Länge nicht vor. Dagegen hat Chann ing in einer amerikanischen Versammlung einen Pietisten tüchtig ablaufen laßen und ihn auf den Dualismus im Menschen, auf den Kampf des Guten und Bösen verwiesen, und dazu ist der Beistand Gottes allerdings nöthig, aber zuvor muß sich der Mensch rühren und nicht die Hände in den Schoß legen und warten, bis die gebratenen Tauben ins Maul fliegen. Für heute genug. Euer Alter Haeckel

Lotte hat bis jetzt 6 Bäder genommen, ich 3. Die Bäder sind ungemein behaglich und man fühlt sich sehr belebt. Das Fieber will Möller nicht gewaltsam unterbrechen, sondern allmählich wieder in das geregelte Gleis einlenken.n

[Nachsc hrift von Charlotte Haeckel ]

Meinen allerschönsten Dank Ihr Lieben, für alle Liebe und Euere guten Wünsche, wir müssen nun sehn, was sie helfen, ob sie mich gesund machen werden. Dein Brief, meine liebe Bertha kam richtig Dienstag an. Halte Dich nur ja frisch auf den Beinen, und strenge Dich nicht zu sehr an, wenn Du die Kinder bei Dir hast. Dein Geburtstagsgeschenk habe ich schon vielfach gebraucht, und danke Dir noch || sehr dafür. Wenn Du aber wieder gedruckte Sachen für Häckel schickst, so mache es lieber in ein Paket; unter Kreuzband muß man alles frei machen sonst wird Briefporto berechnet, freigemacht hätte es höchstens 1 Sg gekostet und jetzt habe ich 7½ Sg geben müssen. –

Ueber Euer Wohlergehen meine lieben Freienwalder freue ich mich herzlich, und sage Euch auch schönen Dank für das überschickte Bild; nun ich Euch nicht dabei habe, finde ich es viel besser, sonst sehe ich immer lieber Euch selbst an. Ihr habt mir wirklich eine rechte Freude dadurch gemacht. Ernst hat mir auch ein paar Zeichnungen geschickt, die gestern mit Eurem zusammen von Nenndorf hier ankamen. –

Nun, meine lieben Kinder, Bertha, Karl, Hermine, Ernst lebe alle recht wohl und habt nochmals herzlichen Dank für Eure Liebe und behaltet lieb Eure

alte Mutter.

Julius, Adelheid, Gertrude und die Kinder grüsse ich aufs herzlichste. Die beiden Jungen, mein Mitzelchen, mußt Du mir recht abküssen.

a eingef.: Vor; b eingef.: gestern; c eingef.: nicht; d gestr.: ihnen; e eingef.: Lottens; f eingef.: auch; g eingef.: in; h eingef.: Zeiten; i gestr.: mehr; eingef.: damals; j eingef.: müßen; k eingef.: Erden; l eingef.: vergeblich; m gestr.: führen kann; n Nachschrift auf dem linken Rand von S. 2: Lotte hat … Gleis einlenken.

 

Briefdaten

Datierung
03-07-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 44132
ID
44132