Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Finsterlin, Jena, 22. Februar 1919

Jena 22.2.1919

Lieber Herr Finsterlin!

Unter den zahlreichen Geschenken, welche ich vor 8 Tagen bei Gelegenheit meines 85. Geburtstages erhielt, ist weitaus das wertvollste und interessanteste das prachtvolle Porträt, welches mich im Alter von 33 Jahren (1867) darstellt und welches Sie ( − obwohl Sie mich nie gesehen haben) mit wunderbarer Kunst nach einem vergrößerten Photogramm gemalt haben – auf dem der Kopf kaum 1 Centimeter groß ist!

Als ich die Kiste, die das lebensvolle Bild enthielt, am 15.2. öffnete, erschrak ich fast vor der überraschenden Ähnlichkeit: einer „Resurrection“ meiner jugendlichen Person nach 52 Jahren! – nach der Rückkehr von den Canarischen Inseln, wo ich den Winter 1866/67 gearbeitet hatte. ||

Alle meine näheren Freunde finden das Porträt ganz ausgezeichnet, und zwar in dreifacher Beziehung: 1. Als treffende Darstellung meiner individuellen Persönlichkeit; 2. Als Charakterbild eines mutigen überzeugungstreuen Naturphilosophen; 3. Als eigenartiges, in Farbenwirkung und Ausführung ganz originelles Kunstwerk.

Ihr Bild, − mein einziges jugendliches Porträt – wird neben denjenigen von Lenbach, Gabriel Max und Anderen in dem neuen „Haeckel-Museum” der Villa Medusa einen Ehrenplatz füllen. Mein einziger Sohn, Ihr Freund Walter (− der am 29. September 1918 hier seinen 50. Geburtstag feierte, wird als Ordner und Kustos des Museums dafür sorgen, daß das hochinteressante Bild den ihm gebührenden Platz erhält. ||

Beifolgend sende ich Ihnen einige meiner Schriften, die Sie wohl noch nicht besitzen:

Die Festschrift (1908) „Unsere Ahnenreihe” und die zugehörige Festrede über: „Alte und neue Naturgeschichte” (1908); ferner das „Menschenproblem” (1907) und einige kleinere monistische Schriften.

Die „Physiognomische Studie“ meines Sohnes, 24 photographische Porträts von mir vom 18. bis 80. Lebensjahre (1914), besitzen Sie wohl bereits? –

Ebenso „Kunstformen der Natur“? und „Indische Wanderbilder“ (Tropische Landschaften aus Ceylon 1881 und Insulinde 1901) − ? Sonst stehen Ihnen alle meine Schriften (soweit noch vorhanden!), gern zu Diensten. Meine letzte Schrift (1917) „Kristallseelen“ (Studien über das anorganische Leben) kennen Sie wohl bereits? ||

Im nächsten Herbst (spätestens Oktober 1919) werde ich jedenfalls meine letzte Reise antreten (in die „Nirwana” − zur „Ewigen Ruhe"!!). − Aber den Sommer hoffe ich noch durchzuhalten. Da würde es mir eine große Freude sein, wenn Sie mich in „Villa Medusa” besuchten. Sie würden mir durch Ihre persönliche Bekanntschaft nicht allein einen besonderen anthropologischen Genuß bereiten, sondern auch zugleich einen kleinen Fehler Ihres vorzüglichen Bildes beseitigen können, den einzigen, den ich und andere Kenner entdecken konnten: unterhalb meines rechten Auges springt der Arcus infraorbitalis etwas zu weit vor, so daß die rechte Wange zu hohl erscheint. (Es würde genügen, vom rechten Backenbart, gegenüber der Nasenspitze, ein wenig wegzunehmen.).

Mit herzlichstem Danke

Ihr hochachtungsvoll ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-02-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44094
ID
44094