Gibraltar. 17–19 März 1867
In Gibraltar verbrachte ich nur drei Tage, leider größtentheils bei schlechtem Wetter, mit heftigem Sturm und Regen. Nur ein Vormittag war leidlich schön (18. März), und diesen benutzten wir, um eine Wanderung nach den Festungswerken und über die ganze Länge des Felsens hin zu unternehmen. Es bedarf dazu einer besonderen Erlaubniß des Platz-Commandanten, und man wird von einem Soldaten umhergeführt. Wenn man nur die wichtigsten und interessantesten Punkte besucht, braucht man sechs volle Stunden. Der merkwürdige Felsen, der die stärkste natürliche Festung bildet, fällt auf der Ostseite und
[Zeichnung]
Gibraltar von der Westseite (Algeciras) gesehen.
auf dem größten Theil der Nordseite (wo a eine schmale Landzunge („Line“) denselben mit Spanien verbindet) so steil (großentheils fast senkrecht) in das Meer, daß hier ein Angriff gar nicht denkbar ist. Auf der westlichen und südlichen Seite aber ist der Felsen durch so furchtbare Batterien beschützt, daß hier auch der stärkste Angriff scheitern muß. Über 700 Geschütze sind der Art aufgestellt, daß jeder Punkt der Umgebung gleichzeitig in das Kreuzfeuer von 8 Geschützen kommen kann. Die Besatzung (gegenwärtig 3000, in Kriegszeiten 6000 Mann) ist auf 7 Jahre verproviantirt. Außerdem sind alle möglichen Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß nicht etwa durch einen plötzlichen Handstreich eine feindliche Armee eindringen kann. || Die Stadt selbst liegt an dem flachen abfallenden Fuße der Westseite und besteht aus zwei weit von einander liegenden Hälften (Nord- und Südstadt), welche durch eine mit prächtigen Gartenanlagen ausgestattete Alameda getrennt sind.
Wir bestiegen zunächst von der Nordstadt aus die Nordspitze des Gibraltar-Felsens, S. Georgs Thurm genannt, unter welcher sich die berühmten, in den Felsen eingesprengten Gallerien und Gänge befinden, aus denen zahlreiche Feuerschlünde auf die Spanische Landenge hinüberschauen. Von dort wanderten wir nach der in der Mitte des Felsenrückens befindlichen Signalstation, in deren Nähe die berühmten Affen von Gibraltar hausen, die einzigen, in Europa noch wild lebenden Affen (Inuus ecaudatus). Es sind jetzt nur noch 7 Individuen vorhanden, welche diesen Stamm fortsetzen. Im Jahre 1856 wurden von dem Pächter der Obstbäume auf dem Felsen, dem die Affen durch ihre Naschhaftigkeit sehr lästig wurden, 500-600 Stück auf einmal vergiftet. Von der Signalstation gingen wir zu O’Haras Thurm, welcher nach der Südspitze des Felsens liegt. Dies ist der höchste Punkt, von 1450 Fuß, 100 Fuß höher als die Nordspitze (1350'). Auf der Südwestspitze ist der ganze Felsen mit einem dichten Wald der Zwergpalme (Chamaerops humilis) bedeckt; der einzigen in Europa einheimischen Palmen-Art. Dieselbe erhebt sich hier zu zierlichen braunen Stämmen von 8-12 Fuß Höhe, während sie im übrigen Europa meist nur niedriges Buschwerk bildet. ||
Die wenigen schönen Stunden, in welchen uns der Regen in Gibraltar noch das Ausgehen erlaubte, brauchten wir zu Spaziergängen durch die Stadt, zu den Hafenbatterien und zum Leuchtthurm, sowie auch zum Fischmarkt, der sehr reich zu sein scheint. Die Stadt zeigt in Häusern und Benehmen ein höchst eigenthümliches Gepräge, da spanisches und englisches Wesen überall in den seltsamsten Mischungen durch einander geht, und außerdem zahlreiche Fremde aus allen Nationen Europas sich in den engen schmutzigen Straßen durch einander drängen. Das Trachtengemisch auf den Straßen und Plätzen ist sehr bunt, schottische Bergschützen in ihrer phantastischen Nationaltracht neben maroccanischen Arabern, zahlreiche Juden neben stolzen Spaniern, englische Constables neben den berüchtigten Banditen von Ronda, welche zwischen Gibraltar und Spanien einen sehr wohlorganisirten Schmuggelhandel treiben. Ebenso ist das Sprachen-Gemisch, welches allenthalben durch einander tönt, sehr bunt.
So störend und unangenehm uns sonst auch das schlechte Wetter während der 3 Tage in Gibraltar war, so kann ich doch nur mit dem größten Vergnügen an diese 3 Tage zurückdenken, welche mir eine höchst interessante Bekanntschaft der seltsamsten Art lieferten. In Parkers Hotel nämlich, wo wir abgestiegen waren, trafen wir einen australischen Farmer, welcher, halb spanischen, halb deutschen Ursprung, nach Europa gekommen war, um eine Rundreise durch dasselbe zu machen. Dieser merkwürdige Mann warb einer der gescheutesten und denkendsten Menschen die ich je gesehen habe. Obwohl ohne reguläre Schulbildung, und nur mit sehr mangelhaften naturwissenschaftlichen Kenntnissen ausgerüstet, hatte er sich durch andauerndes || Nachdenken mittels seines ausgezeichneten Begriffs- und Vergleichung-Vermögens selbstständig ein philosophisches Weltsystem gebildet, welches meine höchste Bewunderung erweckte und meine wärmste Theilnahme fand. Niemals hatte dieser merkwürdige Mann (Benitua mit Namen – er mochte ungefähr 50-60 Jahre alt sein) von Darwin oder von der Descendenz-Theorie Etwas gehört, und dennoch hatte er sich durch aufmerksame Naturbetrachtung nicht allein den Grundgedanken derselben völlig klar entwickelt, sondern auch mit der bewundernswerthesten Schärfe denselben auf alle organischen Natur-Erscheinungen angewandt. Unsere Gespräche wurden bald so lebhaft, daß die ganze Table d‘hôte daran Theil nahm, und c um das Interesse der Discussion möglichst zu erhöhen, fand sich der eifrigste Gegner unserer Ansichten in einem amerikanischen Methodisten-Prediger, welcher mit uns von Tanger herüber gekommen war. Auch dieser Mann war mir eine sehr interessante Erscheinung, allerdings in ganz entgegen gesetzter Weise, als mein Freund Benitua. Fast durch die ganze Welt gereist, ausgerüstet mit einem reichen Schatze vielseitiger Gelehrsamkeit und selbst mit vortrefflichen naturwissenschaftlichen Kenntnissen, war er dennoch gänzlich dem Species-Dogmatismus verfallen und vertheidigte denselben mit der glänzenden Sophistik eines vollendeten Pharisäers und Schriftgelehrten. So wurde denn in diesen drei Regentagen in Gibraltar ein förmliches Darwin-Turnier in der pikantesten und eigenthümlichsten Form gehalten!
a gestr.: der; b gestr.: ist; eingef.: war; c gestr.: sie nur