Sethe, Bertha

Bertha Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 13./14. April 1858

Berlin, 13/4 58.

Mein lieber Ernst!

Es treibt mich Dir noch heute Abend ein Wort zu sagen, denn ich habe [mich] den ganzen Abend mit Dir beschäftigt, und Deinen Seelenzustand tief im Herzen bewegt. Glaube nicht, weil ich manchmal heute scherzhaft Dieses und Jenes auffaßte, oder gab, als habe ich nur Dir den vollen und tiefen sittlichen Ernst angefühlt, und habe ich nicht denselben in mir gehabt, ich kann Dir versichern, es war mir ein heiliger Ernst mit alle dem, || was ich für Dich auf dem Herzen hatte, aber oft vermögen wir uns besser in scherzenden Worten a auszudrücken, als wenn wir in tiefen Grübeleien uns verirren.

Noch dazu bin ich mir wohl bewußt, daß die Erörterung, dessen, was Dir heute auf der Seele lag, in ein Gebiet hinein begreift, wohin ich Dir nicht mit der vollen Schärfe des Verstandes folgen noch viel weniger Dir Schutz bieten kann; und doch lebt in mir die Überzeugung so fest, daß Du auch von diesen Irrwegen zurückkommen wirstb, wo-||hin Dich die Tiefe und Schärfe oder soll ich es die Flachheit der Wissenschaft nennen, geführt hat, oder eigentlich schon auf dem Wege bist. Dein ganzes Inneres Leben, Sein und Wesen, sträubt sich gegen diese streng materialistische Richtung, weil ein höheres Bewußtsein, nenn es Glaube an Gott, nenn es Geist aus Gott oder wie Du es nun bezeichnen willst, sich nicht von dem rein Materiellen und dem Trieb alles erklären und begreifen zu wollen, verdrängen lassen will. Wie Du, trotz aller Sophismen, trotz allemc d Wissen doch schließlich || die einige ewig unwandelbare Urkraft, das eine geistige Element, von dem Alles ausgeht und Alles wieder zurückkehrt, anerkennen, und als unbegriffen glauben oder vor ihr Dich beugen mußt, so ist es durch eben dieses Bewusstsein in Deiner Seele, dem Du nicht entgehn kannst, dem Du Dein ganzes Leben und Sein unterordnen mußt und wirst, dessen bin ich so gewiß, wie ich mire der Liebe gewiß bin, des inneren Verständnisses grade im Höchsten und Tiefsten was Deine Seele bewegt.

Paulus sagt: nicht daß ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm nach; so ist auch in Dir eben dieses || Nachjagen die treibende und bewegende, und zugleich jetzt, wo du umkämpft bist, die bewegende und drückende Kraft, aus der aber eben die beselende Alles durchdringende wird, wenn Du nur einfach wartest, was der Geist aus Dir macht und in Dir wirkt. –

den 14ten.

Heute nur noch einen Gruß, ich hätte Dir noch viel zu sagen; Heute früh las ich mit Anna in Neanders Geschichte des Augustalischen Zeitalters, da war mir als sei die eine Stelle für Dich; hier ist sie: Aber wohl mochte er (Paulus), je ernster sein Trachten nach Heiligkeit war, je mehr er mit den widerspenstigen Trieben einer feurigen und kräftigen Natur, || welche sich durch den Zaum des Gesetzes nicht beschränken lassen wollte, zu kämpfen hatte, desto mehr Gelegenheit haben, aus eigner Erfahrung den unseligen Zwiespalt in der menschlichen Natur zu lernen, der da entsteht, wo das sittliche Bewußtsein als gebietendes f Gesetz seine Macht geltend macht, während der Mensch gegen sein besseres Sehnen und Wollen von der Macht unsittlicher Triebe sich immer von Neuem wieder fortgerissen fühlt. – –

Mir ist immer als müßtest Du Dich jetzt in Deiner Gemüths- oder Seelenverfas-||sung an die eine Grund- und Urkraft halten, die führt Dich am gewissesten auf den Begriff Gott zurück, wie Du das Geistige in Dir, das aber Gottes ist, ja immer bewußt bist, wenn Du nur willst. So arbeite denn nur mit Muth an Dir, und gib ich nicht starren Begriffen und Sophistereien hin, laß nur das, was an Gott in Dir lebt, ruhig in Dir wirken und sich gestalten, ich bin dessen fest und gewiß, du wirst zur Klarheit hindurch kommen. Bis auf || Wiedersehn und zwar baldiges, und recht offene ehrliche Besprechung. Ich habe dich sehr lieb trotz allem

Deine Bertha.

a gestr.: Aus; b eingef.: zurückkommen wirst; c korr. aus: allem; d gestr.: Geist; e eingef.: mir; f gestr.: Element

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-04-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 43677
ID
43677