Göttingen den 29/8. 14.
Lieber Onkel!
Für Deine freundlichen Zusendungen danke ich Dir herzlichst, sowohl die Andenken an Deinen Geburtstag wie die neuerlichen Kundgebungen gegen England. Die flammende Anklage in der Jenaer Zeitung war mir bereits durch Auszüge, die andere Blätter brachten, bekannt geworden, aber ich bin doch froh, auch den ganzen Wortlaut zu besitzen, da die Kundgebung erst als Ganzes ihre volle Kraft zeigt. Sie ist mir aus der || Seele geschrieben. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen: England ist der Anstifter dieses Weltbrandes, der aber, so Gott will, sein eigenes Haus anzünden wird und uns zu ungeahntem Aufstiege und, was nicht der schlechteste Gewinn ist, zu einiger im Frieden nie gewonnenen inneren Konsolidierung verhelfen wird. Das ist mein fester Glaube vom ersten Tage dieses Krieges an gewesen, als ich den Geist unserer Truppen und unseres Volkes so herrlich sich offenbaren sah. Inzwischen haben die Ereignisse ja ge||zeigt, daß die heutige Generation nicht schwächer und schlechter als ihre Väter vor 44 Jahren ist. Eine freudige Ueberraschung für mich wie wohl für Viele. Ich muß sagen, daß ich in dieser Hinsicht recht skeptisch war vor Ausbruch des Krieges. Mir schien die heutige Jugend recht nach Fin de siècle zu schmecken. Ich freue mich, daß wir ihr Unrecht gethan haben.
Was nun Deine Bitte anbetrifft für Deine Erklärung, die englischen Ehren von Dir zu werfen, hier Unterschriften zu sammeln, so würde ich sie gern erfüllen, ständen dem nicht zwei Dinge entgegen. Erstlich kenne auch ich in dem großen Lehrkörper unserer| Hochschule, dank der Abgelegenheit meines Faches und meinem Range zum zurückgezogenen Leben, nur einen kleinen Kreis näher, und so nahe, daß ich die Verhältnisse der Betreffenden übersehe. Unter ihnen sind keine englisch-staatlicha Ausgezeichneten, daß ich wüßte.
Sodann aber ein noch ernsteres Hindernis. Ich muß Dir offen bekennen, daß ich Deinen Schritt nur bedingt billigen kann. Gewiß ist es angebracht, die Ehren, die der englische Staat verteilt hat, wegzuwerfen, nicht aber die, die gelehrte Gesellschaften und die englischen (ja nicht staatlichen) Universitäten vergeben haben. Gerade diese || Kreise dürften ziemlich einstimmig diesen Krämerstreich des famosen Sir Edward Grey verurteilen. Warum sie vor den Kopf stoßen, die Dir Freundliches und vielleicht sogar Freundschaft haben beweisen wollen? Wir müssen mit diesen Gelehrten zusammen weiter arbeiten trotz aller Bitterkeit, die zwischen den Völkern bestehen wird in den nächsten Jahrzehnten, wenn nicht für immer. Dein Schritt erinnert mich zu sehr an das Verhalten der Franzosen, die die höflichenb Einladungen der deutschen Akademien und Hochschulen zu ihren Jubelfeiern oder die Ernennung zu Mitgliedern der Akademieen || mit unfreundlichen chauvinistischen c Absagen beantwortet haben. Wir müssen stolz, fest und mit Maß selbstbewußt den anderen Nationen gegenübertreten, aber nicht in Chauvinismus am unrechten Orte verfallen.
Wenn Du, lieber Onkel, bei Deinem Wunsche beharrst, hier in Göttingen Teilnehmer zu Deinem Schritte zu gewinnen, so wäre meines Erachtens der gegebene Weg ein Aufruf durch die Tageszeitungen. In G. käme dafür die „Göttinger Zeitung“ || in Betracht, die eine Zuschrift von Dir ganz gewiß gern bringen würde, falls Du nicht ein Inserat vorziehen solltest.
Ich sitze augenblicklich noch hier in G., und versuche, da d man von meinem Anerbieten vom 2. Aug.e im Verwaltungs- oder Postdienst zu helfen nur spärlich Gebrauch gemacht hat (zweimal habe ich für einberufenes Militär Meldesachen bearbeiten müssen), zu arbeiten, obwohl die Stimmung dazu fehlt. Man kommt sich in solchen Zeiten so ungeheuer überflüssig vor als Gelehrter und noch dazu, wenn man gerade Ägypptologie treibt. || Vielleicht wird sich das noch ändern. Morgen habe ich mich nämlichf als „Landstürmer ohne Waffen“, der gerade noch nach dem 2. Aug. 1869 (der Grenze des Landsturmalters) geboren ist, zur Musterung zu stellen. g Ich hoffe daß man mich da für irgend etwas brauchbar befinden wird.
Doch nun leb wohl, nimm meine obige Absage auf Deine Bitte nicht übel auf, und empfange nochmals herzlichen Dank für Deinen feinen Fehdebrief an das perfide Albion von Deinem sehr ergebenen, Dich bestens grüßenden Neffen
K. Sethe.
a eingef.: staatlich; b eingef.: höflichen; c gestr.: Antw; d gestr.: ic; e eingef.: vom 2. Aug.; f eingef.: nämlich; g gestr.: Viell