Vug, Oscar

Oscar Vug an Ernst Haeckel, Halbendorf, 19. Februar 1909

Halbendorf bei Grottkau z. 19 Februar 1909.

Sehr geehrter Herr Professor!

Vor einigen dreißig Jahren las ich am Rhein Ihr wertes bahnbrechendes Werk über den Entwickelungsgang u. vor dreißig Jahren erlaubte ich mir, Ihnen meine Ansicht von hier aus über diesen Stoff in poetischer Form vorzutragen. Ich habe seitdem, soweit mir das möglich war Ihre Thätigkeit verfolgt, las mit Freuden Ihre letzten Vorträge in Berlin, betrübte mich tief über die in jüngster Zeit gegen Sie erfolgten Angriffe u. begrüsse mit innigster Befriedigung in der heutigen Zeitung die Erklärung der hervorragendsten Forscher worin sie für Sie eintreten. Das ist der schönste Punkt bei dem Scheiden von Ihrem öffentlichen Wirken u. ich erlaube mir Ihnen dazu meine herzlichsten Glückwünsche hierdurch zu übersenden. Ich bin ja kein Gelehrter, kann mich || mit Ihrer Riesenarbeit auch nicht im Entferntesten vergleichen aber ich freue mich von Herzen über Ihren Erfolg.

Vielleicht interessirt es Sie von meinem Tun etwas zu erfahren. Ich hatte mir ja auch ein Ziel gesetzt, meine Auffassung über Gott kennen Sie. Sie ist noch die damalige u. auch mit Ihrer Lehre vereinbar. Nun wollte ich in erster Linie die ältesten Spuren unserer deutschen Vorzeit ermitteln, dazu durchwanderte ich unser Heimatland u. schrieb „Die Schanzen in Hessen.“ Ich erreichte damit, daß in Hessen nach u. nach die Opfertheorie schwand. Dann schrieb ich die „Schlesischen Heidenschanzen“, aber im Kultusministerium zu Berlin waltete der Opferstandpunkt. Meine 5jährige Arbeit u. das Opfer an Geld waren vergeblich gebracht. Nun ging ich daran die Grenzen des alten Germanenreiches festzulegen, die Sitze der alten Stämme zu ermitteln, u. die Lage aller auf dem Ptolemäischen Karten u. deren Vorläufer genannten Orte mit Zirkel u. Maßstab zu bestimmen. Nach 13 Jahre langer || unsagbarer Mühe gelang mir die Lösung vollständig, aber jeder Verleger erklärte, der Absatz würde die bedeutenden Kosten des Druckes nicht decken. Nun trieb es mich die Grundlagen für einen religiösen Bau, des alle Bewahrer des deutschen Vaterhauses umschlösse zu zeichnen; ich schrieb: Bibel und Edda oder Christentum u. deutscher Glaube; Aber auch dafür fand ich keinen Verleger.

In der Zwischenzeit schrieb ich eine 5 Bände starke „Geschichte des deutschen Landmannes“, auch sie blieb ungedruckt. Dann „Das Erwachen des evangelischen Geistes im ehemaligen Herzogthum Grottkau“, dann verfasste ich eine Ortsgeschichte des, damals noch von mir verwalteten Amtsbezirks Halbendorf u. seiner Nachbargemeinden, – ebenfalls erfolglos. Gegen die Herren welche unsere Urheimat nach Asien versetzen schrieb ich auf eigene Kosten eine kleine Brochüre „Die Urheimat des deutschen Volkes“. Nur vier Exemplare wurden verkauft, die anderen verschenkt.

Nun ließ ich im Vorjahr eine kleine Schrift wieder auf eigene Kosten drucken unter dem Titel: || Abschnitt I „Wanderungen durch die Grafschaft Glatz und durch die deutsche Geschichte.“ Abschnitt II „Wanderungen durch das Leben u. Blicke in die deutsche Geschichte.“ Das Werkchen wurde von der Kritik nicht nur freundlich aufgenommen, sondern sogar so stark gelobt, daß ich darüber besorgt war, einen Erfolg aber scheint es nicht zu haben.

Andere, nicht direkt verständliche Arbeiten welche ungedruckt liegen übergehe ich.

Ich bin durch diese dreißigjährigen Mißerfolge zwar manchmal bedrückt, aber entmutigt für weiteres Schaffen bin ich, (trotzdem ich mich im 79 Jahr befinde,) nicht. Ich strebe weiter, gleichviel wem es dereinst zu gute kommt.

Nun sehr geehrter Herr Professor kennen Sie die Ergebnisse meines Strebens, aber ich freue mich von Herzen über die Erfolge Ihrer Arbeit, wünsche Ihnen ein noch recht langes Leben in guter Gesundheit u. den beseligenden Genuß der Früchte des Erfolges Ihres Strebens.

Mit herzlichem Gruß u. vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebenster

Oscar Vug.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
19-02-1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 42992
ID
42992