Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 20. März 1865

Landsberg a / W | den 20 Maerz 1865.

Lieber Ernst!

Deine erste kurze Nachricht über den Ruf, den Du nach Würzburg erhalten, hat mich gestern nicht wenig überrascht. Nach den vorhergehenden Briefen dachte ich bestimmt, Leidig werde die Stelle erhalten und die Sache sei abgemacht.

In dieser gewichtigen Frage ist schwer rathen . Dazu gehört eine reifliche Erwägung aller Umstände, die dafür u nd dawider sprechen. Nach dem, was Du über die Würzburger u nd Jenenser Verhältnisse gegen mich früher geäußert, denke ich so:

Wären die amtliche Stellung u . Deine Wirksamkeit als Dozent an beiden Universitäten einander gleich zu stellen, so würde ich, ohne Rücksicht auf eine etwaige bessere Dotirung der Würzburger Stelle zu nehmen a , für das Bleiben in Jena sein. Die sonstigen Annehmlichkeiten, die Du in Deine n jetzigen Verhältnisse n hast, der Umgang mit vertrauten Freunden, || die Dich verstehen, die angenehme Lage des Ortes, der Aufenthalt in einer mehr norddeutschen, protestantischen Stadt würden dann den Ausschlag geben und die ökonomisch doch vermuthlich bessere Stellung in W ürzburg reichlich aufwiegen. So liegen aber doch die Sachen nicht; was doch immer am meisten ins Gewicht fällt: der Wirkungskreis als Dozent , ist doch wohl in W ürzburg für Dich ein viel bedeutenderer, die Zahl der Studenten, die sich der Medicin u . speciell Deinem Fache widmen, eine größere ; außerdem aber auch die wissenschaftlichen Hülfsmittel dort reicher u. Deinen Bedürfnissen entsprechender. Wenn Du nun auch den b innigen Umgang mit P ro f essor Gegenbaur , u. den zusagenden Freundes- u. Kollegenkreis aufgeben u. in dieser Beziehung mit viel weniger angenehmen Verhältnissen c , ja vielleicht mit einer Stellung, die es an Reibungen u. Unannehmlichkeiten d nicht fehlen läßt , vorlieb nehmen müßtest , so ist doch zu erwägen, ob Du nicht auf die erstge dach ten Vortheil e mehr Rücksicht zu nehmen und es als Deine wissenschaftl iche e Aufgabe, als Pflicht anzusehen hast, hinzugehen nach W ürzburg . Das freilich || glaube auch ich, daß Du die Ruhe des Gemüths f dort nicht grade eher als in Jena wiedererlangen wirst. Aber es ist Dir vielleicht auch in dieser Beziehung zuträglicher, Dich in W ürzburg durch mancherlei Verhältnisse, die sich Dir [ als ] Hindernisse in den Weg stellen, hindurchzukämpfen , als in der ruhig en, behaglichen Atmosphäre Jena s zu bleiben. Ich neige mich hiernach mehr zur Annahme . – Wolltest Du dennoch bleiben, so würde natürlich eine ordentliche Professur, wenn auch geringer als die in W ürzburg dotirt , die nothwendige Voraussetzung, die conditio sine qua non sein.

– Du meintest früher, W ürzburg s Universität sei eine sinkende Größe ; darauf entgegne ich Dir, daß sich die Verhältnisse ändern u. mehrfach herangezogene frische Kräfte auch einen neuen Aufschwung bringen können. – Was C ollegen u nd Umgang betrifft, so setze ich freilich voraus daß Du Dich dort nicht etwa dauernd g völlig unbehaglich fühlen würdest, derart, daß es auf Deine ganze Thätigkeit lähmend einwirkte. –

Kannst Du nicht auch den Rath eines mit den Verhältnissen beider Universitäten || vertrauten Freundes, der selbst Dozent u. ganz unbetheiligt ist, etwa M ax Schul t ze s ?

Ich hoffe bald mehr über die Sache über Berlin zu hören. Für heute wollte ich Dir doch meine Ansicht, wie sie sich mir nach der ersten Nachricht gebildet hat, nicht vorenthalten.

Bei uns geht es gut, aber das sibirische Wetter ist doch außer aller Regel. Hermann ist heut wieder Schlittschuh gelaufen! Mein Quartier wird bei diesem Wetter schwerlich vor Ostern fertig werden, wenn’s nicht bald umschlägt. – Vater habe ich gestern vor 14 T a g en besucht u nd fand ihn recht munter.

Ade, herzl ichen Gruß, auch Deinen Freunden, von

Deinem

Karl.

a eingef .: zu nehmen ; b eingef .: den; c eingef .: Verhältnissen ; d korr. aus: Annehmlichkeiten; e eingef .: wissenschaftl iche ; f gestr .: wahrlich; g eingef .: dauernd;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
20-03-1865
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 42852
ID
42852