Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 6. September 1918

Jena 6.9.1918.

Lieber Freund!

Zu Deiner bleibenden Niederlassung im schönen Riesengebirge – der Heimat meines lieben Vaters, an die sich viele schöne Erinnerungen knüpfen – und zu der glücklich vollzogenen Trennung vom Müggelsee sende ich Dir meine besten Glückwünsche! Mit zunehmendem Alter gewinnt die Festsetzung an einem solchen Mittelpunkt in freier Natur immer höheren Wert!

Auch ich habe gleichzeitig einen letzten wichtigen Abschnitt in meiner Lebensbahn zurückgelegt; am 1. August ist meine liebe Villa Medusa in den Besitz der Universität Jena übergegangen und beginnt jetzt sich in ein „Genetisches Museum zu verwandeln. Du als mein liebenswürdiger Biograph sollst an dieser originellen Sammlung meiner Kunstschätze und Memorabilien (besonders auch der reichen Briefsammlung) hoffentlich noch viel Freude und Arbeitsstoff finden. ||

Nächsten Montag (9.9.) kommt mein Sohn (der in München wohnen bleibt, aber zeitlebens ein Zimmer des neuen „Medusen-Museum zur Benutzung erhält, und dessen Kunstschätze ordnen wird) – nach Jena und wird hier am 29.9. seinen 50. Geburtstag feiern.

Gleichzeitig wird hier (am 28. und 29. Septb) eine Versammlung des Monistenbundes (der Vorstände der Ortsgruppen) stattfinden, in der über dessen vorläufige Reorganisation beraten wird. Wenn möglich werde ich daran teilnehmen. Es wäre schön, wenn Du auch dazu herkommen könntest. Ich könnte Dir dann auch meine letzten Wünsche und die Bestimmungen über meinen literarischen und künstlerischen Nachlaß mündlich erläutern. Es würde dies wohl unsere letzte persönliche Begegnung sein. Es würde mir sehr lieb sein, noch einmal vieles Wichtige mit Dir mündlich besprechen zu können! – ||

Unseren lieben Radiolarien wird im neuen „Haeckel-Museum“ ein besonderes Zimmer eingeräumt werden, in welchem ihre wunderbaren morphologischen und psychologischen Erscheinungen durch viele Bilder und plastische Modelle dem Publikum näher gebracht werden. Unser Freund Grimsehl (der im Sommer mehrere Wochen hier war) ist speziell für ihre physikalischen Verhältnisse interessiert und wird noch Vieles darüber mitteilen, was mir selbst dunkel blieb, trotzdem ich über 60 Jahre (seit 1856 in Nizza, 1859 in Messina) mit diesen Lieblings-Kindern mich beschäftigt habe. Ich hoffe immer noch, daß unser altes Projekt sich verwirklicht, einer populären „Strahlingskunde“, wobei Deine schöne Schilderung in den „Sonnenstäubchen“ (weiter ausgeführt und mit Benutzung des Manuskripts meiner Enkelin Else (– jetzt Frau Oberleutnant Hantzsch – und seit Frühjahr Mutter eines Töchterchens –) reich illustriert, das Beste tun würde. || Die „Kristallseelen“ (deren Bedeutung für die Biokristalle der Radiolarien immer klarer wird!) sind kürzlich von einem Chemiker (Dr. H. Schwarz, Bern) sehr günstig besprochen worden, in der „Schweizerischen Chemiker-Zeitung“ (Juni 1918, II. Jahrgg. Nr. 6, Seite 24).

− Mit besten Grüßen an Dich und Deine liebe Familie treulichst

Dein alter

Ernst Haeckel.

P.S. Deinem lieben Töchterlein, das am 11. September bereits 18 Jahre wird, einen herzlichen Glückwunsch extra! E. H.a

a Text über Kopf am unteren Rand von S. 4: P.S. Deinem … E. H.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-09-1918
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.185
ID
42402