Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 21. Dezember 1917

Jena 21.12.1917.

Lieber Freund Bölsche!

Herzlichsten Dank für Deinen lieben ausführlichen Brief vom 14.12. und für die neue, sehr vermehrte Auflage Deiner vortrefflichen „Kosmischen Wanderungen“! Das erweiterte, auf 60 Seiten angeschwoll. reizende Kapitel über „Die Wunderwelt der Radiolarien“ habe ich natürlich mit ganz besonderem Interesse gelesen, nur bedauert, daß Du nicht zahlreiche Illustrationen beigeben und meine vor 7 Wochen erschienenen „Kristallseelen “ dabei benutzen konntest. An vielen Punkten sind sich dabei unsere Gedanken begegnet, so z. B. bei der „Richtkraft“ (S. 421) = meiner „Molethyne“ (S. 98). Besonders amüsiert hat mich Deinea plastische Verherrlichung meiner geliebten Lychnaspis miranda (S. 424)b , die ich wegen ihrer hohen symbolischen Bedeutung als beiliegendes Reclame-Blättchen (für Briefeinlagen) – (– als „Prototypus einer feinfühligen Strahlungsseele“!) vervielfältigen ließ. ||

Unser monistischer Radiolarien-Freund Regierungsbaumeister Karl Grimsehl (seit 8 Tagen wieder in Berlin-Charlottenburg (Schlüter Str. 19) war 2 Monate hier; er will mehrere Jahre dem Spezial-Studium der Radiolarien widmen und besonders ihre bionomischen Verhältnisse (Schweben, Gleichgewicht, Fühlung!) von mechanisch-architektonischem Gesichtspunkte (wozu meine schwache physikalisch-mathematische Bildung nicht ausreicht!) eingehend analysieren. Daran knüpft sich das Projekt einer größeren (populaeren) „Strahlingskunde, die vielleicht wir Drei zusammen bearbeiten könnten. Daher wäre es gut, wenn Du ihn innerhalb der nächsten 14 Tage in Charlottenburg besuchtest. Er hat meine ganze Rad. Praeparaten-Sammlung (und Literatur) mitgenommen. Alles nähere besprechen wir dann mündlich bei Deinem lieben Besuch am 8–10. Januar 1918, auf den ich mich ganz besonders freue! Wir haben Vieles und Wichtiges zu besprechen (Nirwana ! Nachlass etc) Natürlich wohnst Du bei mir! –

Die beiliegende Karte an Deinen lieben Sohn Karl schickst Du wohl in Begleitung einer Lychnaspis.

Beste Wünsche Dir und Deiner lieben Familie zu Weihnacht und Neujahr!

Dein treuer Ernst Haeckel.

a gestr.: die; eingef. mit Einfügungszeichen: Deine; b eingef. mit Einfügungszeichen: (S. 424)

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-12-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Friedrichshagen bei Berlin
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.181
ID
42398