Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 19. Oktober 1915
Jena 19.10.1915.
Lieber Freund!
Den freundlichen Gruß, den Du mir aus dem Riesengebirge sandtest, erwidere ich erst heute etwas spät. Ich war die letzten Monate sehr beschäftigt, so daß ich wenig zum Briefschreiben kam. Mein Sohn mit seiner ganzen Familie war längere Zeit bei mir und brachte mir seinen Sohn Horstmar, meinen „Stammhalter“ mit, einen lieben prächtigen Kerl von 1½ Jahren, der sich beifolgend präsentiert. Auch die Leipziger Kinder waren hier. Meine älteste Enkelin Else Meyer (jetzt 21 Jahre), ein sehr liebes und begabtes Mädchen, bleibt auch den Winter bei mir und steht meinem Haushalt vor. Sie ist (von früher Jugend an) begeistert für Natur u. Naturwissenschaft, u. liest „Wilhelm Bölsche“ mit besonderem Vergnügen! Sonst lebe ich in dieser sturmbewegten Zeit hier sehr still; da ich leider nicht mehr ausgehen und reisen kann, genieße ich die Natur in meinem kleinen Garten und habe in nächster Nähe viel gemalt. || Wenn Du im Herbst noch in die Nähe von Jena kommst, würde mich Dein lieber Besuch hier sehr freuen! Kommst Du nicht wegen der „Specht-Stiftung“ nach Gotha? Da Du als Kurator derselben bei der Verteilung des Ertrages mit zu reden hast, möchte ich Dich bitten, ein gutes Wort für Dr. Heinrich Schmidt einzulegen, der der Unterstützung dringend bedarf. Meine eigene Subvention (aus dem Fond des „Phyletischen Archiv) ist ungenügend.
– Die schweren Verluste des furchtbaren Weltkrieges haben auch meine nächsten Verwandten und Freunde hart betroffen. Von meinen Dir bekannten Neffen haben drei je einen Sohn verloren (Julius, Georg und Ernst Haeckel).
Hoffentlich geht es Dir und Deiner lieben Familie recht gut.
Mit herzlichen Grüßen an Euch Alle
treulichst Dein alter
Ernst Haeckel.