Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 16. Juni 1913

Jena 19. Juni 1913.

Lieber Freund!

Endlich ist es mir gelungen, ein Exemplar der seltenen (im Buchhandel nicht erschienenen) Festschrift zum 60. Geburtstage (16.2.1894), die Du zu besitzen wünschest, für Dich aufzutreiben. Ich schicke es Dir beifolgend zugleich mit den gewünschten „Arabischen Korallen“ und einigen illustrativen Scherzen. Ich hoffe damit Deine schöne Sommerfrische im Riesengebirge nicht zu sehr zu stören.

Von der Doktor-Dissertation (1857) hoffe ich Dir später noch ein Exemplar senden zu können; vielleicht auch von der (seltenen) I. Aufl. der „Natürl. Schöpfungsg.“, und den einzelnen kleinen Reise-Erinnerungen (Sizilien, Algerien, Corfu etc). ||

Die ersten 3 Monate d. J. habe ich mit (provisorischem) Ordnen meines kolossalen Brief-Materials und den literarischen Erinnerungen, Flugblätter etc. zugebracht. Die definitive Ordnung soll im Herbst (Septb. Oktb.) erfolgen, wenn mein Sohn hier ist, der natürliche Erbe, der mit den Tausenden von Erlebnissen u. Persönlichkeiten (von denen ich oft erzählt habe) am besten bekannt ist. Ich hoffe aber bei der literarischen Verwertung desselben (post meam mortem) sehr auf Deine freundschaftliche Mitwirkung; Du bist nicht nur mein erster und bester Biograph; sondern auch als poetischer Schriftsteller I. Ranges und populaerer Naturphilosoph am meisten geeignet, meinem Sohn bei der angemessenen Auswahl und Verwertung dieses kostbaren (– in mancher Beziehung einzigen – Materials –) mit Rat und Tat beizustehen. ||

Die Ordnung und Verwertung der im Phyletischen Archiv angehäuften Literalien und der Monistischen Bibliothek daselbst hat Dr. Heinrich Schmidt übernommen, der seit 12 Jahren als früherer Assistent mit der dortigen Sammlung am besten vertraut ist; und jetzt auf meine Anregung eine „Geschichte der Entwickelungslehre“ schreibt. Mit Verwertung eines Teiles der Briefe Sammlung sind jetzt beschäftigt:

– I. Br. v. Carneri (Börner, Leipzig)

– II. Br. v. Allmers (Prof. Siebs, Breslau)

– III. Welträtsel-Briefe (Maria Holgers).

– Seit 1. April schwelge ich in Aquarell Malerei und habe in diesen 2½ Monaten über 100 Patienten kuriert, d. h. flüchtige Landschafts-Skizzen, die ich wegen Kürze der Zeit nicht ausführen konnte, ergänzt, verbessert und teilweise ausgeführt. ||

Nachdem ich die mancherlei Kümmernisse der letzten 4 Jahre (– sogen. „Ruhe-J.! –)

– 1909 Kampf mit Plate (kläglich!)

– 1910 Resignation auf das Phyl. Mus.

– 1911 Regressive Metamorph. zur Ascidie (Verlust der freien Ortsbewegung!)

– 1912 Reue über die 1001 Dummheiten die ich in 70 Jahren begangen habe –) glücklich überwunden und „im geretteten Kahn“ (– mit Humor! –) in den stillen Hafen der Villa Medusa mich zurückgezogen habe, geniesse ich jetzt den herrlichen Frühling, mit fabelhaft üppiger Vegetation, in vollen Zügen in meinem Garten. Auf die alten Liebhabereien: Wandern, Bergsteigen, Turnen, Schwimmen etc – muß ich leider für immer verzichten. Die letzte Reise (in die Nirwana!) werde ich wohl spätestens Septb. 1914 antreten!

– Mit herzlichsten Grüßen an Dich u. die Deinen treulichst

Dein alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-06-1913
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Mittel-Schreiberhau
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.163
ID
42296