Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 24. Juni 1912

Jena 24. Juni 1912.

Lieber Freund Bölsche!

Durch den freundlichen Besuch, den Du und Deine liebe Frau mir vor 8 Tagen hier abstattetet, habt Ihr mich hoch erfreut; ich wiederhole Euch meinen herzlichsten Dank! Daß Ihr am Sonntag 16.6a Vormittag gerade Zeugen des historischen Moments sein konntet, in welchem mich mein Amtsnachfolger Prof. Plate (– zum ersten Mal seit 3 Jahren! –) aufsuchte und begrüßte, sogar freundlich mit mir sprach! – war wohl mehr als bloßer (mechanischer) „Zufall“, sondern eine (teleologische) „Fügung des Himmels“! ||

Meine Familie und meine nächsten Kollegen sind sehr befriedigt, daß über diesen schmerzlichen Konflikt (– der mich 3 Jahre meines Lebens gequält hat –) nunmehr Gras gewachsen ist: „Schwamm drüber“!! Übrigens hat Plate selbst schon seit längerer Zeit das schwere Unrecht seines undankbaren und brutalen Benehmens eingesehen – zumal er von sämmtlichen älteren (in die verwickelten Verhältnisse eingeweihten) Kollegen deßhalb boykottirt wurde. Außerdem hat er sich jetzt redlich bemüht, durch die vortreffliche Organisation des Phyletischen Museums sein unglaubliches Vorgehen gut zu machen.||

Daß Ihr am Samstag (15.6.) Abends mit mir, meinen Kindern und Enkeln, meinen geliebten alten „Forst“ in schönster Waldpracht genießen, und auf dem klassischen Opfer-Altar des alten Forsthauses die nationalen Thüringer Rostbrätchen und Rostbratwürste (nebst Homerischem Nektar) mit uns verzehren konntet, gereicht mir zur besonderen Freude! – Vorgestern habe ich den schönen „Rollstuhl“, den mir mein gütiger Freund Rottenburg verehrt hat, zum ersten Mal probirt und habe das liebe Paradies (seit Weihnachten zum ersten Mal) wiedergesehen. Somit bin ich nun regulärer „Invalide“ geworden! ||

Den Stammbüchern Deiner lieben Kinder, die anbei zurückfolgen (mit Praemie „Schützenhut“ für Karlchen, „Ordensstern“ für Hannchen) füge ich auch einige Biographica bei, die Dir vielleicht für eine eventuelle spätere Auflage Deines schönen „Lebensbildes“ von einigem komplementären Nutzen sein können.

Mit herzlichsten Grüßen an Dich und Deine liebe Familie

treulichst Dein alter

Ernst Haeckel.

a eingef. mit Einfügungszeichen: 16.6

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-06-1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.157
ID
42290