Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 27. Dezember 1911

Jena 27.12.1911

Lieber Freund!

Für das dritte Bändchen Deines vortrefflichen „Tierbuchs“, die Phylogenie des Hirsches, sage ich Dir besten Dank, und zugleich aufrichtigen Glückwunsch zu der originellen Form, in der Du auch hier wieder – wie im ersten und zweiten Bande, – die schwierigen Probleme der Stammesgeschichte durch lebendige populäre Darstellung dem Publikum nahe zu bringen und zu erklären verstehst. Besonders interessiert hat mich der Hinweis auf die ornamentalen Bildungs-Gesetze, für die ich ja seit meiner (längst todgeschwiegenen!) „Grundformenlehre“ (1866) immer eine besondere Zuneigung mir bewahrt habe. || Im letzten (Supplement-)Hefte der „Kunstformen d. N.“ habe ich das frühere System der Grundformen (auf Grund der Radiolarien-Studien) wesentlich verbessert und vereinfacht; aber auch dieser Versuch wird von den Biologen (sowohl Botanikern als Zoologen) allgemein ignorirt, und statt dessen immer die alte fehlerhafte Untersuchung der „Radiären, Symmetrischen“ etc. Formen beibehalten.

Für einen vierten Band Deines Tierbuchs möchte ich Dir besonders den Hund empfehlen, der ja in so vielen Beziehungen der nächste Freund des Menschen ist, und dessen „Kultur-geschichte“ (als ältestes und intimstes Haustier) derjenigen des Menschen durchaus parallel geht, ebenso wie seine Psychologie und Ethik. || Über den glänzenden Erfolg Deines „Liebeslebens“ habe ich mich sehr gefreut. Die neuen Beiträge, welche Escherich in seinem „Termiten-Leben aus Ceylon“ zur Erotik der Insekten (und ihrer Ethik!) geliefert hat, bereichern dieses unerschöpflich interessante Gebiet sehr. Es ist sehr merkwürdig, wie in den beiden parallel aufstrebenden Stämmen der Vertebraten u. Articulaten sich ähnliche soziologische (und damit ethische) Verhältnisse erst neuerdings immer höher und mannigfaltiger entwickelt haben, unter den schwierigen Bedingungen des terrestrischen Lebens! –

Unser Monistenbund scheint sich, seit dem schönen Erfolge des Hamburger Congresses, unter der geschickten und energischen Leitung von W. Ostwald stets erfreulicher zu entwickeln, ich bin auf die weitere Fortbildung sehr gespannt. || Daß Du am 12. und 13. September die weite Reise nach Jena unternahmst, um hier der sogenannten „Huldigung“ der 200 Congress-Mitglieder beizuwohnen, die den Luxus eines Extrazuges von Hamburg riskirt hatten, erfüllt mich noch heute – ebenso wie die Erinnerung an unser Festessen im „Baeren“ – mit freudigem Dankgefühle!

Meine Gesundheit ist leider noch immer mangelhaft; Schmerz und geringe Beweglichkeit im Hüftgelenk haben sich – trotz der 4 wöchentl. Kur in Baden B. – wenig gebessert.

Für das herannahende Neue Jahr sende ich Dir und Deiner lieben Familie meine herzlichsten Glückwünsche!

Stets Dein treuer alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-12-1911
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Friedrichshagen bei Berlin
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.154
ID
42287