Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 17. Dezember 1910

Jena 17. Dezember 1910.

Lieber Freund!

Herzlichen Dank für Deinen lieben ausführlichen Brief, der mich sehr interessiert hat; nicht minder für die neue Auflage Deines herrlichen „Liebesleben der Natur“, zu der ich bestens gratuliere.

Ich habe viele und wichtige Fragen auf dem Herzen, die ich mit Dir besprechen möchte, ehe die Parze Atropos den dünnen Lebensfaden abschneidet. Vom 24. – 26.12. bin ich bei meinen Kindern in Leipzig und gedenke am 27. auf 2–3 (höchstens 4) Tage nach Berlin und Potsdam zu meinen dortigen Neffen zu reisen. || Für einen Besuch in Friedrichshagen wird die kurze Zeit nicht ausreichen. Könnten wir uns vielleicht an einem der 3 Tage (27, 28. 29.) Nachmittags zwischen 4 und 7 Uhr in Berlin irgendwo treffen?

Der Deutsche Monistenbund ist in Folge verschiedener Mißgriffe (– besonders durch das unbegreifliche Verhalten von Dr. Vielhaber im „Keplerbund“ am 10. October –) in eine schwere Krisis geraten. Die Ortsgruppe Hamburg (eine der tüchtigsten) will nächsten Herbst dort einen großen „Ersten Monistentag“ – unter möglichst allgemeiner Beteiligung abhalten; sie schwankt aber noch, || ob derselbe als „Deutscher“ oder „Internazionaler, resp. „Universaler“ angekündigt werden soll? Es wäre höchst wünschenswert, wenn alle Freidenker-Vereine möglichst unter einer Flagge geeinigt werden könnten. Vielleicht ließe sich an einem der 3 genannten Tage eine vertrauliche Besprechung von 4–6 namhaften und zuverlässigen Freidenkern arrangieren? (Du, Wille, Schwarz, Heilborn, Baege?, Schwaner?, Koerber? etc.) Du weißt in Personalien viel besser Bescheid als ich!

Augenblicklich arrangiert Lehmann-Russbüldt zusammen mit T. von Koppelow (– früher Kaiserl. Korvetten-Kapitaen –) Charlottenburg, Kaiserdamm 115) – und mit einem „Comitee Confessionslos“ eine antiklerikale Demonstration. || Nächsten Mittwoch (21.12.) veranstaltet die hiesige Ortsgruppe des D. Monistenbundes, unter Beteiligung benachbarter Ortsgruppen, hier eine „Wintersonnwend-Feier“ im Hotel zum Schwarzen Baeren (Abends 7 Uhr). Alles Weitere hoffentlich bald mündlich!

Deine (kurze!) Antwort trifft mich bis 23. hier, vom 24. – 26. bei Professor Dr. Hans Meyer in Leipzig (Haydnstr. 20). Berliner Adresse noch unsicher!

Herzlichste Grüsse an Dich und Deine liebe Frau!

Treulichst Dein alter

Ernst Haeckel.

Mein „Sandalion“ hast Du wohl erhalten.a

a Text am linken Rand von S. 4: Mein … erhalten?

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-12-1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.148
ID
42279