Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 27. Juli 1909

Jena 27.7.09.

Lieber Freund!

Herzlichen Dank Dir und Deiner l. Familie für Eure freundliche Einladung in’s Riesengebirge. Vielleicht folge ich ihr noch im Spätherbst? Früher kann ich nicht fort, da die Einrichtung des Phyletischen Museums und die Neuordnung meiner unterzubringenden Memorabilien, Bilder, Literalien etc noch einige Monate Arbeit erfordert. Ich kann jetzt erst damit beginnen, da mein Amtsnachfolger mir die 3 Räume des Archivs durchaus nicht gönnen und Alles für sich allein haben wollte. || Plate hat sich in diesem hartnäckigen Kampfe, der mich 4 Monate Ärger, unendliche Schreiberei u. ein Stück Gesundheit gekostet hat, unglaublich benommen. In brutalster Form sagte er mir gleich nach Übernahme seines Amtes (Anfang April): „Jetzt bin ich alleiniger Director des Phyl. Mus. und Sie haben sich allen meinen Ordnungen unbedingt zu fügen“! – Während ich in Baden-B. zur Kur war, ließ er sich an sich zu meinen Räumen (Archiv) (ohne mein Wissen!) einen Schlüssel machen u. stellte Haussuchung an. || Dann ließ er sich vom Rechnungs-Amte alle Rechnungen der letzten 20 Jahre geben, schrieb sie ab und suchte nachzuweisen, daß ich eine Anzahl Bücher als mein „Privateigentum“ behandelt habe (– während ich meine ganze Zool. Bibliothek dem Zool. Institute geschenkt habe!). Die Details seiner „Inquisition“ sind haarsträubend. Motive: Größenwahn? Ehrgeiz?a Neid? – Erst am 21. Juli wurde der widerwärtige Streit durch Eingreifen der Regierung beendigt, die mir in Allem Recht gegeben hat. Auch die Kollegen sind Alle auf meiner Seite. Plate hat sich selbst am meisten geschadet. (Die Einzelheiten später mündlich). ||

Meine nächste Arbeit ist jetzt die neue Bearbeitung der Anthropogenie, die ich schon im Winter beendigen wollte. Die lange Krankheit und später der aufgedrungene Streit mit Plate, der mir alle Stimmung verdarb, ließen mich nicht dazu kommen. Ich werde nun wohl die neue (VI.) Auflage im Wesentlichen unverändert lassen und mich auf Verbesserungen im Einzelnen, Ausschaltung von Detail und Fremdwörtern, beschränken. Für jeden guten Rat, den Du mir geben kannst, werde ich Dir sehr dankbar sein. Vielleicht ersetze ich einen Teil der verschrieenen Embryonen-Bilder durch bessere. Für die bevorstehenden Genüsse des Hochsommers (– der doch endlich kommen muß! –) wünsche ich Dir und Deiner l. Familie alles Gute!

Mit herzlichsten Grüßen

Dein treuer

Alter Ernst Haeckel.

a eingef.: Ehrgeiz?

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-07-1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.140
ID
42271