Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 29. Dezember 1908

Zoologisches Institut

Der Universität Jena.

Jena 29.12.08.

Lieber Freund!

Durch die Zusendung der beiden ausgezeichneten Porträts von Dir und Deiner lieben Frau hast Du mir eine besondere Weihnachtsfreude bereitet; ich danke Dir dafür herzlich. Für uns war das Fest übrigens diesmal fehlgeschlagen; ich hatte mir am 11.12. durch einen unglücklichen Fall eine Verletzung des Kniegelenks zugezogen, die mich zu mehrwöchentlicher Bettruhe verurteilt. Der Fall war ähnlich, wie der vor 8 Jahren in Padang, der mir die ganze Sumatra-Reise verdarb. Hoffentlich dauert die Genesung nicht so lange wie damals. ||

Die erzwungene Bettruhe bringt mir Muße zu mancherlei Lektüre. So erfreue ich mich besonders an Deinen letzten Werken; im Tierbuch hat mich besonders die „Neogaea“ interessiert; ich bewundere Dich, wie klar und vielseitig Du dieses verwickelte Problem beleuchtet hast; nur wären für den Laien noch mehr Abbildungen zu wünschen gewesen. Ich halte es für sehr wichtig, gerade die fossilen Säugetiere in ihren phyletischen Beziehungen so, wie Du es sehr geschickt verstanden hast, dem Publicum näher zu bringen; werden sie doch selbst von den meisten „Fach-Zoologen“ noch heute sträflich vernachlässigt. ||

Eine eigene Tragikomoedie spielte für mich in den letzten 6 Wochen der „Nobel-Preis“. Ende Novbr. brachten mehrere Zeitungen in Paris und Rom die Nachricht, daß ich denselben erhalten würde; und die Folge waren viele Gratulations-Briefe aus Frankreich und Italien. Nachträglich erfuhr ich aus Stockholm, daß tatsächlich in der „Nobel-Kommission“ eine Art Konkurrenz zwischen mir und meinem Kollegen Rudolf Eucken bestanden hat. Der Letztere siegte aber als Vertreter des „Idealismus“ und Priester der „höheren Geisteswelt“, während ich als Vertreter des „Materialismus“ und Sklave der „niederen Natur“ unterliegen mußte. Eucken ist ein beliebter Schönredner und „Fortbildner der christlichen Religion“; aber || irgend einen neuen Gedanken hat er bisher nicht in die Philosophie gebracht. Hier fragt Jedermann: „Warum?“ – Wenn ich den Preis (150.000 Mk) erhalten hätte, wäre ich aller Sorgen um das Phyletische Museum überhoben gewesen. –

Eine sehr große Beruhigung ist es mir jetzt, daß Plate – in jeder Beziehung der geeignetste Nachfolger – Ostern 1909 an meine Stelle treten und auch die ganze Einrichtung des Phyletischen Museums übernehmen wird. Meine abnehmenden Kräfte reichen dafür nicht mehr aus.

– Mit den herzlichsten Grüßen und Glückwünschen zu 1909, für Dich und Deine liebe Familie

Dein treuer alter Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-12-1908
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Weimar
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.136
ID
42267