Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 27. Februar 1908

Jena 27.2.1908.

Lieber Freund!

Der Einladung nach Berlin zu der großen Protest-Versammlung des Goethe-Bundes (– contra „Index-Holle etc –) kann ich leider nicht Folge leisten. Ich bin mit Arbeiten überladen (Bau des Phylet. Museums, Festschrift für das 350jährige Jubilaeum der Universität (31.Juli, 1. u. 2. Aug.); außerdem Neu-Auflagen von 3 Büchern. Übrigens würde ich auch, mit meinem jämmerlichen Rede-Talent und meiner kläglichen Fistel-Stimme der Versammlung Nichts nützen können. Im Ganzen sind ja sonst die Zeit Verhältnisse sehr erfreulich: der Preuß. Kultus-Minister Arm in Arm mit dem Papst, Reinke u. d. Keplerbund! ||

Deine Abneigung gegen unsere „Vereinsmeierei“ teile ich völlig und bin auch der Ansicht, daß den meisten „Bünden“ die richtige Organisation und tüchtige praktische Führer fehlen; die besten Kräfte schließen sich meistens aus – so auch beim „Monistenbund“!

Die neue Pithecanthropus-Expedition der Frau Selenka (– deren Gehirn nicht normal ist!) scheint mir mehr Verwirrung als Aufklärung gebracht zu haben. Trotz Allem bleibt die Bedeutung des gefundenen „Missing link“ bestehen. Die unlogischen Schlüsse der Geologen (Voltz etc.) ändern daran Nichts! ||

Deine Goethe-Studien interessieren mich sehr; dieser größte Genius wird immer erhabener, je tiefer man in seine wunderbaren naturphilosoph. Gänge eindringt!

Dein lieber Besuch war auch mir eine große Freude; ich hoffe sicher, daß Du ihn mit D. lieben Frau Ende Juli wiederholst. Ich sitze vor einem Berge von 160 Gratulations Briefen und Geschenken aller Art! (– trotz Reinke-Dennert-Holle).

Also nur noch in Eile Herzlichste Grüße v. H. z.H.

Dein treuer alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-02-1908
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.130
ID
42261