Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Wildungen, 5. September 1906

Wildungen (Villa Victoria)

5. Septb. 1906.

Lieber Freund Bölsche!

Für die freundlichen Postkarten-Grüße aus dem Riesengebirge sage ich Dir und Deiner lieben Frau besten Dank. Ich hatte im Sommer daran gedacht, dieses schöne schlesische Gebirge, die Heimat meines Vaters, die ich seit mehr als 50 Jahren nicht wiedergesehen, noch einmal aufzusuchen und Euch in Schreiberhau einen Besuch abzustatten. Allein mein Arzt erklärte es für viel wichtiger, mich hier einer Bade-Kur zu unterziehen, um die Reste der vorjährigen Erkrankungen zu beseitigen. || Das scheint dann auch glücklich gelungen zu sein. Das systematische faule Schlaraffen-Leben des Badegastes – tägliche Durchspülung des Körpers mit Helenen-Quelle, mehrstündige Spaziergänge in den herrlichen hiesigen Wäldern, Ozon-Respiration – dazu als wichtige negative Heilfactoren – Freiheit von aller Arbeitslast und häuslichen Sorge und Unruhe – sind mir vortrefflich bekommen. Namentlich scheint die Affection des Herzens und der Nieren, die sich im Herbst 1905 in Anschluß an die wiederholten rheumatischen und arthritischen Gelenk-Entzündungen entwickelt hatte, im Wesentlichen beseitigt zu sein. Auch meine kränkliche Frau hat sich hier wesentlich erholt. ||

In nächster Woche werden wir nach Jena zurückkehren. Ich habe dann noch eine kleine Familien-Reise vor, werde aber vom 25.9. an in Jena bleiben. Anfang October findet dort die Ausschuß-Sitzung des Monisten-Bundes statt, die diesmal von besonderer Wichtigkeit sein wird. Es ist durchaus notwendig, daß die Organisation straffer und zweckmäßig geregelt wird. Leider fehlt es an tüchtigen praktischen Kräften. Es wäre sehr wünschenswert, daß Du (mit Deiner lieben Frau) und Freund Wille nach Jena kämet und mit Euren wertvollen Rathschlägen die gute Sache fördertet. || Es würde mir ein besondere Freude sein, Euch im Spätherbst (– der meistens bei uns sehr schön ist –) mit den Reizen unseres Saaltals näher bekannt zu machen.

Mit herzlichsten Grüßen an Dich und Deine liebe Frau

Dein treuer Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-09-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Mittel-Schreiberhau
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.127
ID
42256