Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 5. März 1906

Jena 5. 3. 1906.

Lieber Freund!

Im Vertrauen auf Dein altruistisches menschenfreundliches Herz und zugleich deine literarische Kollegialität übersende ich Dir beifolgend das hinterlassene dramatische Manuscript des Dichters Eugen von Jagow: „Die Liebe zur Schwachen – oder: Die Pflicht“; zugleich mit dem Briefe der Witwe, der Dir die ganze Sachlage klar legt. Wenn irgend möglich, wirst Du gewiß gern ihren Wunsch erfüllen und der Dichtung zum Druck verhelfen (etwa durch Prof. Bie – Neue Rundschau? –). || Sollte es nicht möglich sein, so bitte ich Dich, dies der Witwe mitzuteilen. Ich bin zu wenig mit derartigen Fragen vertraut, um direct helfen zu können. Mit meiner Gesundheit geht es immer noch wechselnd; es scheint sich eine unheimliche Bacterien-Colonie in meinem Organismus angesiedelt zu haben (– wohl zur Strafe dafür, daß ich diese edlen „Spaltpilze“ zu kernlosen „Moneren“ degradirt habe! –). Herztätigkeit und Schlaf lassen noch Viel zu wünschen übrig. ||

Mit unserem „Monistenbund“ geht es erfreulich vorwärts; wir haben bereits über 300 Mitglieder und 4000 Mk in der Sparkasse. Es wird nun sehr wünschenswert sein, bald einige gute Flugschriften zu publiciren, wobei wir sehr auf Deine vorzügliche Kraft rechnen. Dr. H. Schmidt (der seine ganze Zeit der Correspondenz widmet), reist morgen nach Bremen, um mit den 3 dortigen „Monisten-Pastoren“ (und mit Dr. Breitenbach)a über wichtige Organisations-Fragen zu verhandeln; Kassenführung, Verlag der Flugschriften, Wander-Vorträge etc). ||

Ich freue mich sehr zu hören, daß Du Anfang April den Berlinern „Die Stellung des Menschen in der Natur“ von Neuem klar machen und nahe legen willst (– jedenfalls besser und beredter, als es mir altem ausgedienten Invaliden vor’m Jahre möglich war! –). Es kann dies nicht genug wiederholt werden; besonders die historische Einheit des Säugetier-Stammes, der sich durch so viele wichtige Fortschritte über seine Amphibien-Ahnen erhoben hat. Im Voraus beste Glückwünsche!

Mit herzlichen Grüßen, auch an D. l. Frau und Wille

Dein alter

E. Haeckel.

a eingef. mit Einfügungszeichen: (und mit Dr. Breitenbach)

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-03-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.123
ID
42252