Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 11. November 1905

Zoologisches Institut

Der Universität Jena.

Jena 11.11.1905.

Lieber Freund Bölsche!

Mit den Anschauungen, die Du in Deinem l. Briefe über unseren „Monistenbund“ und seine Aufgaben entwickelst, stimme ich ganz überein. Auch ich habe die Überzeugung, daß jetzt die wichtigste und nächste Aufgabe eine einheitliche Organisation und kluge consequente Leitung ist. Grade um die Gewinnung einer solchen handelt es sich in der allgemeinen Konferenz, die demnächst zu diesem Zwecke abgehalten werden soll, und zwar auf gemeinsame Anregung der Leipziger und der Jenenser Gruppe, die sich darüber vorgestern in Leipzig (am 9.11.) geeinigt haben. ||

Die Leipziger Gruppe, die ihren Statuten-Entwurf bereits in Nr. 39 der „Freien Glocken“ von Arthur Teichmann (mir persönlich nicht bekannt) veröffentlicht hatte, kündigte die Konferenz bereits in Nr. 45 derselben auf Ende Novbr an (brieflich auf 29.11.).

Die Jenenser Gruppe, deren Statuten (ohne von ersteren zu wissen) 4 Wochen später hier mit Baege beraten wurden, wünscht jetzt einen späteren Termin. Der betreffende Aufruf, von Dr. Breitenbach verfaßt, der besonders eifrig dafür wirkt, wird Dir bald zugehen. || Es ist nun höchst wichtig, daß die Konferenz in Leipzig, zu der sicher zahlreiche monistische Vereine, Freidenker-Gesellschaften u.s.w. ihre Vertreter schicken werden, von namhaften und bekannten Anhängern des Monismus besucht wird. Unter diesen stehen obenan Du, Wille und Baege, Ihr drei dürft nicht fehlen. Ich hoffe und wünsche mit Dir, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit unser hochgeschätzter Freund Wille die gefährlichen mystischen Anwandlungen seines vortrefflichen Gemüts im Hintergrund läßt und vor Allem die vollen Rechte des freien Gedankens, der Tyrannei von Staat und Kirche gegenüber, tapfer vertritt. || Über alle einzelnen Aufgaben (– Wanderredner, höchst wichtig! – Zeitschrift (schwierig!) – Gründungsfond (in Aussicht!) – kann erst in der Leipziger Konferenz beraten und Beschluß gefaßt werden; Dr. Heinrich Schmidt wird mich auf derselben vertreten. Ich werde vor Neujahr (frühestens!) das Haus nicht verlassen dürfen. Meine Vorlesungen für dieses Semester (– mein 90.stes in Jena) habe ich leider aufgeben müssen. Ich bedarf monatelang absoluter Ruhe. Die beiden letzten October Wochen (mit Fieber, Schlaflosigkeit etc) waren schlecht; jetzt geht es etwas besser; ich bin seit einigen Tagen stundenweis außer Bett.

Mit herzlichsten Grüßen an Dich, Deine liebe Frau und Freund Wille

Dein alter Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-11-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.118
ID
42247