Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 2. Februar 1905

Zoologisches Institut

Der Universität Jena.

Jena. 2.2.05.

Lieber Freund Bölsche!

Besten Dank für Ihre freundliche Einladung, der ich leider jetzt nicht folgen kann. Die Zeitungs-Notiz, daß ich Sonntag in Berlin sprechen würde, ist (– gleich vielen ähnlichen! –) eine „gasförmige Ente “, an deren Ontogenie ich ganz unschuldig bin. Im Winter-Semester halte ich Sonntags (von 8–1 Uhr) meinen beliebten und voll besetzten „Zoolog. Cursus“, den ich nicht schwänzen darf! Als ich letzten Sonntag morgens die telegraphische Einladung nach Berlin erhielt, antwortete ich sofort per Telegramm: „Kommen unmöglich“! || Ich hoffe aber sicher, im April den längst beabsichtigten Besuch in Berlin auszuführen und Sie dann noch dort anzutreffen; ich möchte Vieles mit Ihnen besprechen.

Für die II. Aufl. meines „Lebensbildes“, die ich von Seemann noch nicht erhalten habe, im Voraus meinen besten Dank! Besonders danken muß ich Ihnen noch für das freundschaftliche Charakter-Bild in der „Gartenlaube“, das meinen nächsten Freunden sehr gefallen hat – nicht minder für die Besprechung der „Lebenswunder“. || Dieses letzte Werk scheint stark einzuschlagen, mehr als ich erwartet hatte; ich habe darüber sehr viele interessante Briefe erhalten. Auch die Briefe über die „Welträthsel“ (von denen jetzt das 150. Tausend gedruckt ist), dauern noch immer fort (fast täglich!), das sechste Tausend dieser „W.-Briefe“ dürfte bereits überschritten sein; sie sind mir psychologisch sehr interessant. Mir erscheint dieser ganz überraschende Erfolg höchst komisch, wenn ich denke, daß die „Gen. Morphol.“ (– die Basis von allem! –) 20 Jahre lang ignorirt wurde, ähnlich wie die „Systemat. Phylogenie“, die das höchste „spezifische Gedanken-Gewicht“ hat. ||

Mit den „Wanderbildern“ geht es sehr langsam vorwärts; die ersten chromolithogr. Versuche sind mißlungen. Die Lithographen der Köhler’schen Officin in Gera sind zwar auf bunte Vögel und Blumen gut eingeübt, zeigen aber bisher für die feinen Töne der Aquarell-Landschaft kein Gefühl.

– Daß unser Freund Julius Hart (im „Tag“) plötzlich die Begriffe von Monismus und Dualismus auf den Kopf stellt

scheint mir das herrschende Chaos in der Philosophie nicht aufzuhellen!

– Mit besten Grüßen an Ihre liebe Frau und unsere Freunde

Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-02-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Friedrichshagen bei Berlin
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.110
ID
42238