Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 30. April 1904

Zoologisches Inistitut

der Universtät Jena.

Jena 30. April 1903.

Lieber Freund Bölsche!

Ihre Anfrage, betreffend die hiesige „Ritter-Stiftung, wird durch die Mitteilung erledigt, daß deren Erträgnisse (10.000)a statutengemäß folgendermaßen verteilt sind: 5000 Mk für jährl. Besoldung von 2 Professoren (Phylogenie: Ziegler; Paleont.: Walther); und einen Assistenten;b 2000 Mk Bibliothek, 3000 Mk Zool. Instit. und Reise-Stipendien (letztere nur für hiesige Docenten und Studenten). Ich muß demnach sehr bedauern, Frau Prof. Selenka für ihre Reise nach Java keine Subvention verschaffen zu können. Offen gestanden, halte ich das Suchen nach weiteren Resten des Pithecanthropus in Java für sehr aussichtslos. || Ich las kürzlich, daß Klaatsch zu demselben Zwecke nach Java gereist sei.

Für wichtiger und dankbarer würde ich es halten, wenn Frau Prof. S. noch weiteres Material von Embryonen sammeln wollte, worin sie ja geübt ist; besonders von selteneren Säugetieren, vor Allen Affen; auch ganze Menschenaffen (Gibbon, Orang) in Spiritus etc.

– Für Ihre freundschaftliche Teilnahme an dem Verluste meiner lieben alten Tante Bertha danke ich Ihnen herzlich. Sie war trotz ihrer 91 Jahre noch bis Weihnachten recht frisch. Mit ihr ist das letzte Glied der alten Generation unserer Familie dahingegangen. ||

Nach meiner Rückkehr (am 23.4.)c von unserem halbjährigen Aufenthalt an der Riviera fand ich hier ein solches Chaos von Briefen, Drucksachen und Sendungen aller Art vor, daß Sie die Kürze meiner Mitteilung entschuldigen müssen. Nach 4 Monaten strenger Arbeit in Rapallo waren die beiden letzten Monate in Bordighera und Sonthofen) (wo ich bei schönstem Wetter täglich gewandert bin und gemalt habe – 60 Aquarell-Blätter! –) eine rechte Erholung; am 3.5. beginnen meine Vorlesungen (87. Semester in Jena!).

– An Herrn Curt Walter (mir persönlich unbekannt), der als Vorstand einer „Richard-Wagner-Gesellschaft für dramatische Kunst etc“ mich nach Berlin locken und eine Ausstellung veranstalten wollte, habe ich definitiv ablehnend geschrieben. ||

Hoffentlich geht es Ihnen und Ihrer lieben Frau recht gut, und sehen wir Sie im Laufe des Sommers einmal hier!

Mit herzlichen Grüßen – auch an B. Wille und die anderen Freunde –

stets Ihr alter

Ernst Haeckel

a eingef. mit Einfügungszeichen: (10.000); b eingef.: und einen Assistenten; c eingef. mit Einfügungszeichen: (am 24.4.)

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-04-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.94
ID
42233