Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 25. August 1903

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena 25. August 1903.

Lieber Freund Bölsche!

Ihrem Wunsche entsprechend schicke ich Ihnen schon heute das erste, eben aus dem Ei kriechende Exemplar der neuen (V.) Aufl. der Anthropogenie; es fehlen jedoch am Schlusse noch die beiden letzten Bogen (61, 62), mit den Noten und Register; diese werden erst in einigen Tagen druckfertig. Mitte Septb. soll das Buch erscheinen. Ich hoffe, daß die neue Bearbeitung, die mir viel Zeit und Mühe gekostet hat, Ihren (– mir sehr werthvollen! –) Beifall haben wird, besonders die neuen 10 Tafeln und die 60 genetischen Tabellen. ||

a Die letzte (IV.) Aufl., 1891, hatte ich strenger wissenschaftlich gehalten und auf dem Titel das „Gemeinverständlich“ weggelassen, in der Hoffnung dadurch die speciellen Fachgenossen mehr für das Buch zu interessieren und auf die vielen neuen Gedanken aufmerksam zu machen. Ganz vergebens! Fast alle Autoren ignoriren das unbequeme Buch, (– als „Populaeres Machwerk“ –) und suchen es nach Kräften todtzuschweigen. Um so mehr habe ich mich in dieser V. Aufl. wieder an weitere Kreise gewandt und den spröden Stoff verdaulicher zu machen gesucht. Gerade in letzter Zeit (– wo ich täglich mehrere „Welträthsel-Briefe“ erhalte –) habe ich gesehen, daß das Buch auf guten Erfolg in diesen Kreisen hoffen darf. ||

Zu Ihrer Reise nach London sende ich Ihnen meine besten Wünsche! Sie werden staunen über das großartige Arbeits-Getriebe dieser Weltstadt und ihre herrlichen Sammlungen, vor Allen British Museum, Zoological Gardens, Kew Gardens, India Museum, Hunterian Mus. etc. Die wichtigste Person wird für Sie Prof. E. Ray-Lankester sein, der jetzige Director des Brit. Natural. History-Museum; ich gebe Ihnen einliegend einen Brief an ihn mit; ferner mehrere Visiten-Karten mit Empfehlungen zu beliebiger Benutzung. – Charles Watts, Herausgeber der „Riddle of the Universe“, kann Ihnen sehr nützlich sein. Lernen Sie möglichst viel vorher von der Umgangs-Sprache (einige Conversations-Stunden)! – Zum Dr. phil. ernenne Ich Sie!! ||

Der Erfolg der „Welträthsel“ hält noch immer an, jetzt ist die IV. Aufl. der Volksausgabe erschienen (68.–77. Tausend). – Ich arbeite am letzten (X.) Heft der „Kunstformen“ d. N. – das IX. ist fertig und wird Ihnen im Septb. zugehen.

In circa 4 Wochen denke ich mit meiner Frau unsere 6 monatl. Reise nach dem Süden anzutreten, zunächst Riviera, später Sicilien etc?

Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihre liebe Frau, und besten Wünschen für die London-Reise

Ihr alter

Ernst Haeckel.

a gestr.: Ich

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
25-08-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.97
ID
42226