Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 4. August 1903

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena 4. August 1903.

Lieber Freund Bölsche!

Schon längst wollte ich Ihnen für Ihre freundlichen Kartengrüße danken; meine Correspondenz (– durch die Volksausgabe der Welträthsel, 40 Tausend in 4 Monaten abgesetzt! – in’s Unendliche gesteigert!! –) mußte aber vor der dringenden Arbeit zurücktreten, die mir die schwierige Umarbeitung der „Anthropogenie“ machte; ich habe in diesen 4 Monaten 120 (= 2 x 60) Druckbogen corrigirt, d. h. pro Tag einen Bogen; dazu viele neue Figuren, 10 neue Tafeln etc. Ich hoffe aber, daß diese anstrengende Arbeit Früchte tragen wird, ist dies Buch doch seit 40 Jahren (Huxley 1863) das einzige, in welchem die ganze Stammesgeschichte des Menschen im Zusammenhange (möglichst populär) dargestellt ist. Im Septbr. schicke ich es Ihnen. ||

Vor einigen Wochen war Herr Otto Lehmann hier, um meine Aquarell-Sammlung anzusehen und die etwaige Ausstellung eines Theiles derselben zu besprechen, die der „Giordano-Bruno-Bund“ geplant hatte. Nach reiflichster Überlegung aller Verhältnisse scheint es mir aber doch das Beste, den Plan aufzugeben (– oder auf einige Jahre zu verschieben, bis ich im blauen „Jenseits“ bin! –). Die Kosten werden sehr groß sein, die Ein-nahmen gering! Ein „Garantie-Fond“, an den Herr Lehmann dachte, wird nicht zu beschaffen sein, wenigstens nicht durch die Personen, die wir zunächst in’s Auge gefaßt hatten. Auch ist doch der künstlerische Werth meiner flüchtigen Reise-Skizzen zu gering, als daß sie Interesse in weiteren Kreisen erregen könnten. || Diese Erwägungen habe ich heute Herrn Lehmann mitgetheilt und ihm den Rath gegeben, auf den wohlgemeinten Plan zu verzichten. Persönlich könnte ich keinesfalls zur Ausstellung erscheinen, da ich (– entsprechend beiliegender öffentlicher Erklärung vom 17.7.01 –) mich seit 2 Jahren von allen öffentlichen Versammlungen, Vorträgen etc consequent fernhalten muß, schon der abnehmenden Gesundheit halber. Zudem trete ich schon Mitte September eine 6 monatliche Reise nach dem Süden an (zunächst Sicilien); ich habe für den Winter Urlaub genommen, theils um meine „Plankton-Studien“ fortzusetzen, theils meiner Frau wegen derer Gesundheit einen Winter Aufenthalt im Süden sehr wünschenswerth macht. Auch will ich der Feier meines 70sten Geburtstages entgehen, die viele Schüler und Freunde geplant hatten. || Hoffentlich geht es Ihnen und Ihrer lieben Frau recht gut.

Mit freundlichsten Grüßen an Sie Beide, und an Dr. Wille, C. Hauptmann etc

Ihr alter

Ernst Haeckel.

P.S. Letzten Freitag (31.7.) habe ich meine Vorlesungen geschlossen, die diesen Sommer sehr gut besucht waren. Samstag folgte ich einer Einladung nach Liebenstein, zum Erbprinzen von Meiningen und seiner Gemahlin Charlotte (Schwester des Kaisers); sie hatte als gute Kennerin der „Welträthsel“ lebhaftes Interesse am Monismus etc. Sonntag war ich in Altenstein beim alten Herzog Georg von Meiningen, meinem liebenswürdigen Gönner, und seiner Gemahlin (Frau von Heldburg). Gestern Abend kam ich zurück. Bis Mitte Septb. bleibe ich hier.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-08-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.95
ID
42224