Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Schloss Altenstein, 4. August 1901

Schloss Altenstein 4.8.1901

Lieber Freund Bölsche!

Gestern habe ich den ersten Tag der Herbstferien benutzt, um einer Einladung des trefflichen Herzogs von Meiningen zu folgen und einige schöne Sommertage auf seinem herrlichen Altenstein zuzubringen. Ich benutze diese erste freie Stunde heute, um Ihnen herzlich für Ihre freundlichen Postkarten aus dem Riesengebirge zu danken, und für die Zusendung der ehrenvollen Besprechungen Ihres „Liebeslebens“, u.s.w. || Es freut mich sehr, daß Ihre schönen Arbeiten jetzt so reiche u. warme Anerkennung finden. Ich hatte gestern eine lange Unterredung darüber mit Herzog Georg, der trotz seiner 72 Jahre immer noch derselbe geistig hoch bedeutende Mann ist, mit lebhaftem Interesse für alles Wahre, Gute u. Schöne. Er hat mit ganz besonderem Vergnügen Ihr wunderbares „Liebesleben der N.“ gelesen, und bewunderte mit mir Ihre biologischen tiefdringenden Gedanken-Ketten || und die originelle Kunst der Darstellung. Der Herzog hatte Ihr Buch mehreren nahe stehenden Literatur-Freunden zur Lectüre empfohlen; aber keiner von diesen hatte dafür Verständniß finden können; sie hatten die angeführten Thatsachen aus dem L. der Thiere für poetische Spielerei gehalten! So schwer ist es, unseren sogenannten „Gebildeten“ einen richtigen Begriff von den schönsten u. interessantesten Erscheinungen der unerschöpflich reichen Natur beizubringen! ||

Die Herbstferien werde ich Anfangs in Jena (mit vielen Arbeiten), später in München u. Tirol zubringen. In M. wird Anfang October die Hochzeit meines Sohns sein, der mit einer Malerin (Josefa Scholz, ein sehr kluges u. liebenswürdiges Mädchen) verlobt hat; sie wollen in Sonthofen (Algäu) eine Zeichen- u. Malschule gründen.

Mit besten Grüßen an Sie u. Ihre I. Frau, sowie Hauptmann, Wille etc,

Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-08-1901
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.78
ID
42208