Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 24. April 1900

Zoologisches Institut

Der Universität Jena.

Jena, den 24.4.1900.

Lieber Herr Bölsche!

Das frische und naturgetreue „Lebensbild“, das Sie in so liebenswürdiger Weise von mir entworfen haben, hat meinen Freunden ganz allgemein sehr gut gefallen; gerade die Männer, die mich am besten kennen, finden es ausgezeichnet. Die 60 Exemplare, die ich gleich nach dem Erscheinen bei Hrn. Reissner bestellt u. an meine Freunde verschenkt hatte, haben solche Nachfrage erregt, daß ich vorgestern weitere 40 Explr. habe kommen lassen. Hoffentlich nimmt auch das weitere u. mir entfernter stehende Publicum das Buch so gut auf! || Die günstigen Besprechungen in der Frankft. Z. u. im „Zeitgeist“ werden Sie gelesen haben.

Bedauert wird von mehreren Lesern, daß die zweite Lebenshälfte und die Reisen nicht ebenso eingehend behandelt sind, wie die erste Hälfte. Vielleicht können Sie da in einer neuen Aufl. noch Einiges nachholen. Ich stehe stets zu Ihren Diensten!

− Inzwischen ist in dem zukünftigen „dritten und letzten“ Theil meines Lebensbildes – mir selbst fast überraschend – ein neues „Weißes Blatt“ angebrochen. In der schlaflosen Osternacht ist ein schon lange gehegter „stiller Wunsch“ in mir zum festen Entschlusse geworden. || Die Sehnsucht, nochmals die Herrlichkeiten der Tropen-Natur leibhaftig zu genießen, läßt mir keine Ruhe; ich werde nächsten Winter meine zweite Reise nach Ostindien antreten, diesmal aber weiter: nach Singapore, Java, Celebes. Ich denke im Oktober d. J. (oder schon im Septb.) abzureisen, und ich hoffe im April 1901 wohlbehalten zurückzukehren; reich beladen mit neuen Vorlagen für die „Kunstformen d. N. – neuem Material für die „Plankton u. Protisten Studien“. Heute habe ich bereits mein Urlaubs-Gesuch bei der Regierung eingereicht. Nun muß ich die nächsten Monate noch tüchtig zur Vorbereitung benutzen. || Eine bessere Verwendung für den „Bressa-Preis“ kann ich nicht finden.

Vor 3 Wochen war ich einige Tage in Berlin bei meiner lieben alten Tante Bertha, die trotz ihrer 87 Jahre die Geistesfrische einer Sechzigerin bewahrt. Sie läßt Ihnen herzlichst für Ihre freundlichen Zusendungen danken, und hatte den lebhaften Wunsch, Sie und Ihre liebe Frau einmal zu sich einzuladen. Leider war aber meine Zeit zu kurz; ich konnte auch nicht meine Absicht ausführen, Ihnen einen Besuch abzustatten. – Die bösen Nachfolgen der Influenza habe ich jetzt überwunden; meine arme Frau hat aber immer noch daran zu leiden.

Mit herzlichsten Grüßen an Sie u. Ihre liebe Frau

Ihr alter

Ernst Haeckel.

P.S. Die „Festschrift“ sende ich Ihnen später zum Behalten.a

a Text weiter auf dem linken Rand von S. 1: P.S. Die … zum Behalten.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-04-1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.69
ID
42198