Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Ajaccio, 20. September 1899

Ajaccio (Corsica) 20.9.1899.

Hôtel Continental –

Lieber Herr Bölsche!

In diesen Tagen werden Ihnen, (sowie Ihren Freunden Wille und J. Hart) meine „Welt-räthsel“ durch den Verleger zugeschickt werden. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie durch eine Besprechung des Buches (– das wahrscheinlich viel Feinde finden wird –) zur Verbreitung beitragen. Für jede offene Kritik seiner Mängel u. Irrthümer bin ich dankbar. Ich habe diesem Werke ein gutes Stück Arbeit und Gesundheit geopfert. Am Schlusse des Sommer-Semesters war ich so angegriffen (– durch Schlaflosigkeit etc), daß ich dringend einer gründlichen Erholung bedurfte. Diese ist mir nun durch meine Herbstferienreisea, deren erste fünf Wochen jetzt abgelaufen sind, in der erwünschten Weise zu Theil geworden. ||

Nachdem ich in Heidelberg Gegenbaur, in Basel Ritter, in Zürich Lang besucht hatte (mit sehr angenehmem Freundes-Verkehr) genoß ich eine herrliche Woche in Chamonnix, eine zweite in Haute Savoie (Annecy) und in der Dauphineé (Grenoble, von wo ich die Wallfahrt zum berühmten Grande Chartreuse antrat.) Am 7.9. traf ich in Marseille ein und fuhr in 16 Stunden (in einer wunderbaren Sternen-Nacht!) hierher. Da es hier auch sehr heiß war, ging ich auf 8 Tage in das wilde Hochgebirge von Corsica, wo ich in größter Einsamkeit mich der gewaltigsten Eindrücke hingeben konnte. Ich habe viel gemalt und, in diesen 5 Wochen, 30 Aquarell-Skizzen gesammelt. Die starken Strapatzen der tüchtigen Fußwanderungen sind mir sehr gut bekommen. ||

Jetzt bleibe ich nun hier in Ajaccio mehrere Wochen, um lebende „Kunstformen der Natur“ zu studiren und zu zeichnen. Vielleicht gehe ich aber schon Anfang October fort, um noch einige Wochen in Rom zuzubringen. Ende October denke ich wieder in Jena zu sein und hoffe dann bald auf Ihren lieben Besuch.

Hoffentlich geht es Ihnen und Ihrer lieben Frau, sowie dem Söhnchen, recht gut.

Mit besten Grüßen (– auch an Wille u. die Gebrüder Hart –)

Ihr treuer Ernst Haeckel.

P.S. Das Wetter war in diesen 5 Wander-Wochen wunderbar schön (in Südfrankreich sehr heiß!). Ich hatte kaum zwei Regentage. ||

P.S. 22.9. Eben erfahre ich, daß mein Neffe Heinrich Haeckel (Chefarzt des Krankenhauses Bethanien in Stettin, 40. Jahre alt, mir wie mein eigener Sohn nahe stehend) Anfang October zur Erholung auf einige Wochen nach Rom geht. Da meine hiesige Arbeit ziemlich unfruchtbar ist, werde ich sie in 8 Tagen beenden und am 1. October nach Bastia (Livorno) fahren, am 3. nach Rom. Meine dortige Adresse ist zunächst: Prof. Grassi, Direttore dell’ Istitute Zoologico. –

Falls Sie mir noch hierher schreiben wollten, müßte der Brief spätestens Mittwoch, 27.9. abgeschickt werden. (Hôtel Continental).

a korr. aus: Erholungsreise

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-09-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.59
ID
42188