Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 12. Dezember 1898

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena, den 12.12.1898.

Lieber Herr Bölsche!

Für die beiden Familien-Bilder – auf denen mein liebes Pathchen allerdings noch etwas „embryonal-undifferenziert“ aussieht! – meinen herzlichen Dank! −

Daß Sie meine Biographie schreiben wollen, freut mich aufrichtig, denn ich glaube, daß bei unsrer fundamentalen Übereinstimmung in Weltanschauung und Naturbegeisterung es Ihrer gewandten und ansprechenden Darstellungsweise gelingen wird, ein naturgetreues Bild des Jenenser Monisten zu entwerfen, der von Freund und Feind meistens einseitig, oft ganz falsch beurteilt wird. ||

Die Festschrift zu meinem 60.sten Geburtstag besitzen Sie ja schon. Von den 20, im Anhang 4 derselben aufgeführten Biographischen Aufsätzen enthält derjenige von Carus Sterne die ausführlichsten Angaben („Nord und Süd“, 1886, Bd. 37, p. 196). Er hat viele persönliche Angaben von meiner alten trefflichen Tante erhalten, Frl. Bertha Sethe (Berlin W., Friedr. Wilh. Str. 3 pt., nah dem Thiergarten). Sie ist die einzige noch lebende Schwester meiner herrlichen Mutter, zwar jetzt 86 Jahre alt, aber noch immer sehr frisch und geistig rege. Sie wird sicher sehr erfreut sein, wenn Sie sie einmal besuchen und ordentlich ausfragen; sie hat ein fabelhaftes Gedächtniß u. lebt seit 70 Jahren in Berlin. ||

Ihr Besuch in Jena, im Beginn des neuen Jahres, wird mich sehr erfreuen; er ist nothwendig, wenn sie mich vollständig kennenlernen wollen, d. h. in meinem Jenenser Schneckenhaus, mit dem ich seit 37 Jahren untrennbar verwachsen bin. Auch sonst wird Ihnen unser originelles Universitäts-Dorf sicher von Interesse sein.

Die großen Monographien (Radiolar., Medus., Spongien) werde ich Ihnen – wenn auch zum Theil nur leihweise −) bald nach Weihnachten in einer Kiste schicken; bitte nur zu schreiben, was Sie sonst noch von meinen Arbeiten haben wollen; sie sind Alle (von 1855–94) im Anhang 3. der „Festschrift" verzeichnet. ||

Meine Autobiographie (mit vielen interessanten Briefen etc) wird seit länger als zehn Jahren von vielen Seiten gewünscht; allein in diesem Jahre hatte ich vier verschiedene Anerbieten von Verlegern, zum Theil sehr verlockend. Ich werde aber – falls überhaupt! – erst später dazu kommen, schwerlich vor 5–6 Jahren. Vorläufig habe ich Wichtigeres zu thun. –

Den geplanten Besuch in Berlin, und bei Ihnen in Friedrichshagen, werde ich wohl erst in den Oster Ferien ausführen können.

Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihre liebe Frau, wie an mein hoffnungsvolles Pathchen,

Ihr

Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-12-1898
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.49
ID
42174