Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 1. Juli 1898

Zoologische Institut

Jena 1. Juli 1898.

Lieber Herr Bölsche!

Zu der glücklichen Geburt Ihres ersten Jungens sende ich Ihnen und Ihrer lieben Frau meinen herzlichsten Glückwunsch! Damit verbinde ich zugleich meinen aufrichtigen Dank für die Ehre, die Sie mir durch Erwählung zu dessen Pathen erweisen! Hoffentlich gehen alle die guten Wünsche in Erfüllung, die sie an diese monistische Pathen-Wahl knüpfen, und hoffentlich kann ich selbst noch die gesunde Entwicklung meines lieben Pathenkindes ein Stück Weges begleiten! ||

Ihrer liebenswürdigen Einladung zu einer pantheistischen Tauf-Festlichkeit hoffe ich noch im Laufe des Herbst, wahrscheinlich Mitte October, Folge leisten zu können. Für August und Septbr. ist mein Reiseplan bereits festgelegt. Die ersten August-Wochen werde ich am Rhein und in England zubringen, und in der letzten Aug. Woche dem Internation. Zoologen-Congress in Cambridge beiwohnen, wo ich einen General Speech über „Unser gegenwärtiges Wissen vom Ursprung des Menschen“ halten soll. Von diesen Strapatzen hoffe ich dann im Septbr. durch einige Wochen Alpen-Genuß in der Schweiz mich erholen zu können. ||

Falls Ihre Zeit und Ihre Vater-Freuden es erlauben, sollten Sie im Juli noch den versprochenen Besuch in Jena ausführen. Zwar kann ich sie leider nicht einladen, bei uns zu wohnen, da meine Tochter und Enkelin für mehrere Monate bei uns a sind. Aber sonst bin ich frei und kann 3 Tage (Sa. So. Mo.) mit Ihnen in unserer Umgebung umherstreifen. (die anderen 4 Tage, Di. – Fr., habe ich Vorlesung). Am 15. und 29. Juli (Fr.) könnten Sie auch einer Sitzung unserer Naturwiss. Gesellsch. beiwohnen. Die Flora unserer Kalkberge und Wälder ist dieses Jahr herrlich, gerade Mitte Juli sehr blumenreich! ||

Von meinem „Kunstformen der Natur“ sind jetzt 20 Tafeln fertig gezeichnet. Leider rückt die schwierige Lithographie langsam fort, so dass ich Ihnen das erste Heft (Taf. 1–10) wohl erst gegen Ende d. J. werde senden können.

Indem ich meine herzlichsten Glückwünsche für Sie und Ihre liebe Frau, sowie ganz besonders für den hoffnungsvollen kleinen Ernst wiederhole, bleibe ich mit freundlichem Gruß und Dank

Ihr alter

Ernst Haeckel.

a gestr.: ist

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-07-1898
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.47
ID
42172